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Wenn ich ein Messer wäre und mein Verstand die Klinge, die es zu schärfen gälte, würde ich viel schneller erkennen, dass mir das alleine nicht gelänge. Mir wäre dann direkt einsichtig, dass ich dazu einen Schleifstein bräuchte, der härter sein müsste als das Metall meiner Klinge. Diesen finde ich (zurück als Mensch) z.B. immer in geistreichen Büchern und vor allem in Gesprächen mit Menschen, die in gewissen Hinsichten klüger sind als ich. Und ein Messer verwendet die Schärfe seiner Klinge nicht dafür, seinen Selbstwert zu erhöhen, sondern nur, um damit sauber zu schneiden. (Norbert Schultheis)



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Letzte Änderung: 14.10.2016 um 12:34
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Von Nägeln und Schrauben

(Norbert Schultheis)

Die Zeit

Die moderne Gesellschaft krankt an Hast und Gleichmacherei. Dort gibt es neben den vielen Nägeln aber auch die Schrauben. Und nur die Glatten fügen sich schnell dem Druck des Hammerschlages – die mit Ecken und Kanten brauchen aber Fingerspitzengefühl! Und mit dem richtigen Dreh können sie viel tiefer in die Materie eindringen und tragen so vielmehr zum inneren Halt des zu Haltenden bei als die Aalglatten – dafür brauchen sie aber mehr Zeit! Ach, was wissen Nägel schon von Nachhaltigkeit…

Unter dem schnellen Druck des gleichmachenden Hammerschlages jedoch zerberstet jede Schraube und schadet der Umgebung, in die sie eingeschlagen wird. Dies nennen die Nägel dann „keinen Druck aushalten können“ und „Schaden für die Gesellschaft“, mit den Nägeln aber weiß selbst der weiseste Schraubendreher nichts anzufangen!

Der Schrauben Freund und Verbündeter ist die Zeit, das wissen oder spüren zumindest alle Schrauben – genau wie von der Glattheit und Unvernunft der Nägel mit ihrem permanenten Kampf gegen die Zeit – daher wissen sie auch von der Bedeutung des Weges und dem flüchtigen Moment des Zieles, den die Nägel wie von Sucht geplagt hinterherjagen und hochpreisen.

Die extremste Form dieser Unvernunft ist aber das Ziel ohne Weg, bei der die schönste Begleiterscheinung jedes Weges, mag er kurz oder lang sein, oder jener kurze Hochgenuss bei Zielerreichung selbst als Ziel gesteckt wird. Das sind die Drogen. Viele Nägel lieben Drogen, sie eliminieren alle Wege und täuschen Ziele vor. Jetzt kann nur noch im Rauschzustand der Ziele gelebt werden, jener rauschenden flüchtigen Momente, die in den Händen der Zeit zerfließen und von den Nägeln „Kicks“ genannt werden. Aber auch Schrauben nehmen Drogen, nur eher als Schmerzmittel gegen zugefügte Deformationen.


Die Freiheit

Freiheit kennt alle ihre Grade, nämlich die nach ihr benannten Freiheitsgrade. Das sind nicht nur die räumlichen, auch die zeitlichen. Sich in diesem Raum-Zeit-Kontinuum frei bewegen zu können, das nennen die Schrauben ihre Freiheit. Genauso weiß das spielende Kind oder der Spaziergänger von dieser Freiheit.

Letzterer beginnt seinen Spaziergang, ohne dabei ein konkretes Ziel vor Augen zu haben, aber kennt dafür den Zweck seines Tuns, aus dem er sich seinen Sinn ableitet. Er weiß noch nicht, ob er an der nächsten Gabelung links oder rechts abbiegen wird, ob er ins Tal schreiten oder einen Hügel erklimmen wird. Vor allem weiß er nicht, wann sein Spaziergang zu ende sein wird, oder wann er umkehren wird. All das nennt der Spaziergänger seine Freiheit und fürchtet sich nicht vor der Überraschung, sondern fordert sie heraus, lebt sie, liebt sie!

Vor der Überraschung als Ausdruck des erlebten Zufalls fürchten sich aber die Zielgerichteten, die Nägel. Sie sagen, die Überraschung sei der Feind jeder guten Planung. Und genau damit verbringen sie ihre Leben: mit Planung und Plackerei. Alles wird geplant, jedes Ziel wird schnellst möglich erreicht, dafür wird geschuftet wie ein Berserker, das ganze Leben wird determiniert und das nennen sie ihre Freiheit: determinierte Freiheit – das Paradoxon ihrer Existenz!


Die Arbeit

Das scheinbare Zusammenspiel zwischen Nägeln und Hämmern, das in Wirklichkeit ein Diktat der Hämmer über die Nägel ist und das niemals mit Freundschaftskleber verbunden wird, ermöglicht rasche Konstruktionen, die dann als Leistungen gelten. Der Wert der Konstruktion ergibt sich nicht mehr primär aus ihrer Nützlichkeit, sondern wird von den Hämmern mit ihrer ominösen unsichtbaren Hand festgelegt. Diese Ökonomisierung bewirkt eine Entkopplung des Preises vom Sinn, die ihren perversen Höhepunkt u.a. darin erreicht, dass selbst Gesundheit ihr gegenübertreten muss und gesundheitsfördernde Maßnahmen aus Kostengründen verwehrt werden können.

Die Umstände, unter denen diese Konstruktionen erschaffen werden, also die Arbeitsbedingungen, werden nun auch nur noch in Hinblick auf Wirtschaftlichkeit optimiert. Das bedeutet für die Schrauben, die erkannt haben, dass das Arbeitsleben nahezu nur aus Beschreiten von Wegen besteht und kaum aus Momenten, in denen Ziele erreicht werden (und die daher lediglich als abstrakte treibende Kraft von Belang sind) nicht weniger als eine Verminderung ihrer Lebensqualität. Die Arbeitszeit steht von nun an nicht mehr im Dienste eines sinnerfüllten Lebens, sondern das Leben und somit auch das Individuum selbst werden in den Dienst der Arbeit gestellt. Das Subjekt des Lebens wird zum Objekt der Wirtschaft. Das nennt sich dann Optimierung – ist aber in Wirklichkeit eine Minimierung im Hinblick auf das Wesentliche, das Individuum, das Leben als solches gefühlt als etwas Lebendiges und zu Erlebendes.

Eine sinnvolle Beschäftigung, die in der Natur jeder Schraube und auch der meisten Nägel liegt, verliert ihren immanenten Anreiz, und die Hämmer müssen einen neuen, künstlichen erzwingen: entweder durch (nun lebensnotwendige) wirtschaftliche Entlohnung oder (falls sie allein nicht ausreicht) durch wirtschaftliche Sanktionen und daran gekoppelte soziale Isolationen und sonstige Rattenschwänze.

Der Begriff Arbeit erhält dadurch eine pejorative Konnotation; die Abneigung zu ihr wird von nun an Faulheit genannt – dabei ist jeder Schraube klar, dass Fleiß oder Faulheit niemals letzter Grund ist. Damit ist den Hämmern etwas Entsetzliches gelungen: Beschäftigung als Aus- und Erfüllung der Freiheit richtet sich derselben entgegen. Freiheit und Arbeit werden zu Gegensätzen, Freizeit und Arbeitszeit zu dichotomen Begriffen.


Die Wahrheit

Die Welt wird geschmiedet unter der schlagenden Wucht von Hämmern, und das abgekühlte Geschmiedete erscheint den Nägeln als starr und alternativlos – auch sie entstehen im Schmiedeofen der Hämmer oder werden zumindest von ihnen geformt. Sie fügen sich willenlos ihrer Funktion des Aufrecht- und Zusammenhaltens und glauben an die Konstruktion. Sie kennen nur die eine, und ihre Engstirnigkeit erlaubt ihnen nur diese eine Betrachtungsweise. Gibt es denn nur eine Perspektive, mit der man die Wirklichkeit nur auf eine Weise als Wahrheit deuten kann? Gibt es demnach nur eine Wahrheit?

Schrauben erlangen durch ihre Fähigkeit des Sich-Drehen-Könnens einen Rundumblick, haben unzählbar viele Perspektiven – sehen unzählbar viele Wahrheiten. Die Wahrheiten als Ganzes zu erfassen, die ganze Wahrheit, also die genuine Wirklichkeit zu erkennen, bedarf so aller Dimensionen: der räumlichen, der zeitlichen und all der anderen, die uns nicht zugänglich sind. Das wusste auch jene prominente Vierkantschraube, als sie von der Unerkennbarkeit des „Dings an sich“ schrieb.


Der Glaube

Niemand sah je die ganze Wahrheit, also wurde die Kneifzange erfunden, mit der man alles begreifen wollte. Mit diesem Allzweckwerkzeug fand jeder überall Halt und eine Gesinnung entstand nach dem Motto: „Die Zange wird’s schon richten…“. Diese Gesinnung wurde zu einer nicht hinterfragten Doktrin, man unterwarf sich der Allmacht der Zange und aus dem Motto wurde die leere Lehre: „Die Zange wird über mich richten!“.

Die wahre Natur einer Zange wurde übersehen – viel mehr noch – sie wurde und wird noch immer angebetet. Eine Zange zwängt, fixiert, beraubt ihrem Gefangenen jegliche Freiheit. Der Gefangene nennt sich selbst aber Gläubiger und den Zwang Führung. Er empfindet die Freiheit als Last, es kommt ihm gelegen, nicht selbst entscheiden zu müssen. Er ist von der Überlegenheit der Zange überzeugt, er sieht in ihrem Joch ein Haus, in dem er sich sicher und geborgen fühlt. Ja, wer an die Zange glaubt, der braucht sie auch, das macht sie real – das ist allen Gläubigen gemein.

Dieses Wissen machten sich die Hämmer zunutze und schufen immer mehr Zangen, immer mehr Zwänge, an die alternativlos geglaubt wurde. „Das Leben ist kein Wunschkonzert!“ proklamieren sie und jeder glaubt ihnen. Nur ein paar Schrauben fragen sich, warum das so sein soll. Warum kann das Leben kein Wunschkonzert sein? Würde dann die komplette Gesellschaft aufhören zu existieren? Oder würde nur einem Teil der Gesellschaft die Existenzgrundlage entzogen werden? Und wer wäre dann dieser Teil? Wer profitiert von dem allmächtigen Glauben an den alternativlosen Sachzwang? Angesichts der Klarheit der Antwort auf diese Frage müssten sich doch selbst die glattesten Nägel winden!


Die Gleichmacherei

Es wurde berichtet, dass es manchen Hämmern gelungen sei, aus Schrauben Nägel zu formen. Mit der nicht nur sprichwörtlichen Holzhammermethode schlugen diese Hämmer manche Schrauben in Umgebungen, so dass sie sich dort einfügen und verweilen sollten. Aber dort fanden sie noch genug Spiel und konnten sich nicht halten, und so wurden sie immer und immer wieder in Umwelten gepresst und geschlagen, in denen sie keinen Halt fanden. Und mit jedem weiteren Schlag verloren sie mehr und mehr von ihrer sensiblen Helixstruktur und wurden schließlich zum Nagelsein umfunktioniert, reduziert. Die dadurch entstandenen Deformationen, die sie immer noch von den glatten Nägeln unterscheidbar machten, nannten die Nägel dann befremdlich „Eigenarten“, „Seltsamkeiten“, manchmal sogar „Krankheiten“.

Aufgrund dieser, mittels der zielorientierten instrumentellen Vernunft der Hämmer beraubten Freiheit, also durch das Angepasst-worden-sein, verlieren die Schrauben auch ihr Spiel und ihren Spieltrieb. Aus ihrer Ganzheitlichkeit (die sich auch in jenem ausdrückt) entsteht eine verkümmerte spezialisierte, in Form gepresste Existenz, die an jene Opfer erinnert, die Prokrustes in sein Bett zwängte. Die Schrauben jedoch, die nicht in einem solchen Bett Platz nehmen wollen und sich weiterhin ihres Spieltriebs bewahren, werden von den Hämmern wie auch nachäffend von den Nägeln naserümpfend „Infantilisten“ genannt, als ob es sich dabei um ein Schimpfwort handele, das eine Fehl- oder fehlende Entwicklung beschreibt.


Die Verführung

Nun gibt es auch solche raffinierten Hämmer, die selbst noch für die hohlsten Nägel Verwendung finden und in deren Hohlheit ein Gewinde einsetzen. Damit sollen die Schrauben verführt werden, sich freiwillig in eine Passform einzudrehen – die gefährlichste Form der instrumentellen Vernunft, die im Volksmund „experimentelle Psychologie“ genannt wird. Mittels ihrer werden durch empirische Studien Gewinde angefertigt, die nur scheinbar der äußeren Form der Schrauben entsprechen. Je tiefer sich eine Schraube in ein solches Gewinde eindreht, desto höher ist die Gefahr des Verkeilens, jener Form der Gefangennahme, aus der sich nur die wenigsten Schrauben wieder befreien können – oder wollen, schließlich bietet auch eine Verkeilung auf perverse Weise Halt.

Die sensible Struktur der Schrauben, aber auch die rohe Form der Nägel unterliegen einem Prozess, den die Wissenschaft „Evolution“ nennt. In einer Zeit, in der es noch keine Hämmer gab, wussten die Nägel und Schrauben genau, wo sie am besten hineinpassen, oder passten allmählich ihre Form der gegebenen sich im stetigen Wandel befindlichen Umwelt an. Das war ihr Erfolgskonzept, das gab ihnen Form und Härte und vor allem Passgenauigkeit! Und genau diese ist Dreh- und Angelpunkt der heutigen angewandten instrumentellen Psychologie.

So wird versucht, diese Passgenauigkeit zu imitieren, aber ohne Berücksichtigung des einstmals so wichtigen Sinns und Zwecks derselben. Dieser Abusus hat nun zur Folge, dass sich sowohl Schrauben als auch Nägel verführen lassen von dem Hammer, der bei jeder Versteigerung den Ton angibt. Die Einfachheit der Struktur der Nägel lässt diese jenen Missbrauch nicht merken – im Gegensatz zu den Schrauben, deren Leid unerträglich wird!

Das einstmalige Erfolgskonzept wird verkehrt ins Gegenteil, der neue Nutzen einer solchen Anpassung wird zum Schaden – welche Schraube braucht schon hakende Gewinde, welcher Nagel braucht schon vorgebohrte Löcher? Aber genau solche werden vom Hammer der Versteigerung angeboten und man soll sie wollen, dafür sorgt er, denn dafür und davon lebt er! Das macht alle Nägel und Schrauben weich – oder nennen wir es besser „krank“.

Und die scheinbar passenden Gewinde lassen die weisen Schraubendreher überflüssig erscheinen, sie sterben aus…

Wer will jetzt noch Schraube sein??



Eine Schraube,

auf der Suche nach Schraubendreher



Copyright © 2011 / 2017, Norbert Schultheis, Bonn

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