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Die Welt ist uns vielmehr noch einmal "unendlich" geworden: insofern wir die Möglichkeit nicht abweisen können, dass sie unendliche Interpretationen in sich schliesst. (Friedrich Nietzsche)



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Letzte Änderung: 14.10.2016 um 12:34
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Die Verlierer und ihr Zweck

(B.C. Oyen)

„Werte Fahrjäste! Ick bin der Klaus und obdachlos. Ick bin ohne eijenes Verschulden in ene Notlare jeraten. Dank ihrer Hilfe können in unserer Obdachlosenlosenunterkunft im Moment 18 Leute schlafen und sich waschen. Ick verkof die Berliner Straßenzeitung Motz, sie kostet zwei Mark, von denen ick ene behalten darf. Stehlen will ick nich, deshalb bedank ick mich für ihren Beitrag.“

Der namenlose Klaus, ein Enddreißiger dem man das Straßenleben ansieht, bahnt sich schüchtern seinen Weg durch die Menschen in der S-Bahn. Manche von Ihnen haben die Augen geschlossen, tun als ob sie schliefen. Andere stieren grau vor sich hin. Lebende Tote – ist der Tourist geneigt zu denken, doch das stimmt nicht. Nach ein paar Monaten hier hat man in der Bahn halt diesen Gesichtsausdruck. Wie ginge es auch sonst? Jedem Bettler ein Nein entgegenbellen? Nur um irgendeine Emotion zu zeigen die ihm mitteilt, daß er überhaupt existiert? Zuviel Kraftanstrengung. Energie die man dringend für die Arbeit braucht. Nicht verschwendbar. Man ignoriert ihn einfach. Aus Feigheit oder Gleichgültigkeit, wohl auch aus Faulheit. Aber wem soll man einen Vorwurf machen? Cosi fan tutte – so machens alle, das wußte schon Mozart.
Zwei Leute kaufen eine Zeitung. Klaus bedankt sich artig und wünscht linkisch einen schönen Tag. An der nächsten  Station geht's auf in den nächsten Waggon. Wie oft wird er seinen Spruch heute noch aufsagen?

Kaum ist Klaus weg, werden wir auch schon von einem Russen unterhalten, der ein trauriges Volkslied singt und dazu Balaleika spielt. So rauscht die Bahn klingend in Richtung Zoo, während ein kleiner Junge mit einer dreckigweißen Plastikschüssel Geld einsammelt. Dreimal klingt Kleingeld hohl und knöchern in der Plastikschüssel – Touristen.
Ich steige aus der Bahn und haste über den Bahnsteig. Es ist extrem wichtig in den richtigen Waggon einzusteigen, der dann am Zielbahnhof genau vor der Rolltreppe hält. Das bietet eine gute Ausgangsposition für den Spurt zu selbiger. Die Pole Position ist wichtig, da nur der erste und zweite auf der Rolltreppe auch herunterlaufen kann. Im Gegensatz zu London, New York, Singapur oder Tokyo stehen die Leute in Berlin eben nicht diszipliniert auf der rechten Seite, damit die eiligen Menschen auf der linken überholen können. Sie stehen natürlich nebeneinander – bepackt mit Taschen und Tüten, dem Hund und nervenden Kindern. Da steht die alte Oma mitsamt dieser kleinen Oma-Einkaufskarre zum Hinterherziehen, und regt sich auf, wenn man schnell vorbei will, oder man wird einfach ignoriert.

Ist man endlich unten angekommen und hat sich durch das Gewühl im Bauch des Bahnhofs gekämpft, steigt einem vor dem Bahnhof auch schon eine Mischung aus Bier- und Uringeruch in die Nase. Das ist besonders am frühen Morgen äußerst appetitlich. Die dazugehörigen Elendsgestalten sieht man auch gleich. Um 8 Uhr morgens schon Bier trinkend, egal bei welchem Wetter, stehen sie da. Na dann Prost! Die Leute hasten vorbei und sie bewegen sich nicht vom Platz. Hektik und Untätigkeit nebeneinander, ein Mittelmaß gibt es kaum.

Wenn man über den Zweck der Penner nachdenkt, ein an sich schon perverser und beinahe faschistoider Gedanke – den ich hier ausdrücklich nur provokativ anstelle, kommt man zu dem recht skurrilen Ergebnis, daß sie in jeder Metropole eine soziale Funktion haben: Sie führen der arbeitenden Bevölkerung vor Augen, was mit ihnen passieren könnte, würden sie ihre Arbeit aufgeben. Sie halten auf eine subtile Art und Weise das Rad am laufen. Angst als Antrieb. Gleichzeitig halten sie das Befriedigungslevel der ausgebeuteten „Class of the working poor“, der Klasse der arbeitenden Armen auf gleich bleibendem Niveau, da sie diesen Arbeitern vor Augen führen, daß es eine noch schlimmere Situation als die eigene gibt. Sie lassen sich den Durchschnittsbürger – Durchschnittsverdiener reich fühlen, und das macht ihn neuerdings auch zufrieden – scheinbar. So betrachtet sind die Penner also kein gesellschaftliches Problem, sondern eine wichtige Komponente des Sozialgefüges.
Der Gedanke, daß die Politik das auch erkannt hat und deshalb an einer wirklichen Beseitigung der schlimmsten Armut nicht interessiert sein kann, ist aber dann doch zu utopisch – oder?


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