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Der Weg zum Erfolg in dreizehn Thesen

(Walter Benjamin)

Rubrik: Philosophie

  1. Es gibt keinen großen Erfolg, dem nicht wirkliche Leistungen entsprechen. Darum aber anzunehmen, daß diese Leistungen seine Grundlage sind, wäre ein Irrtum. Die Leistungen sind die Folge. Folge des gesteigerten Selbstgefühls und der gesteigerten Arbeitsfreude dessen, der sich anerkannt sieht. Daher eine hohe Forderung, eine geschickte Replik, eine glückliche Transaktion die eigentlichen Leistungen sind, die den großen Erfolgen zugrunde liegen.
  2. Genugtuung über die Entlohnung lähmt den Erfolg, Genugtuung über Leistungen steigert ihn. Lohn und Leistung stehen in einem Gewichtsverhältnis; sie liegen in den Schalen einer Waage. Das ganze Schwergewicht der Selbstachtung muß in die Schale der Leistung fallen. So wird die Schale des Entgeltes immer wieder in die Höhe schnellen.
  3. Erfolg können auf die Dauer nur die haben, die in ihrem Verhalten von einfachen, durchsichtigen Motiven geleitet scheinen oder wirklich geleitet sind. Die Masse zertrümmert jeden Erfolg, sobald er ihr undurchsichtig, ohne belehrenden, exemplarischen Wert scheint. Von selbst versteht sich: durchsichtig in intellektuellem Sinne braucht dieser Erfolg nicht zu sein. Jede Priesterherrschaft beweist es. Nur muß er einer Vorstellung, genau gesagt: einem Bilde sich einpassen, sei es das Bild der Hierarchie, des Militarismus, der Plutokratie oder welches immer. Daher dem Priester der Beichtstuhl, dem Feldherrn der Orden, dem Finanzier sein Palais. Wer seinen Zoll dem Bilderschatz der Masse nicht entrichtet, muß scheitern.
  4. Man macht sich keinen Begriff von dem Hunger nach Eindeutigkeit, der der höchste Affekt jedes Publikums ist. Eine Mitte, ein Führer, eine Losung. Je eindeutiger, desto größer ist der Aktionsradius einer geistigen Manifestation, desto mehr Publikum strömt ihr zu. Man gewinnt „Interesse“ für einen Autor – das heißt, man beginnt dessen Formel, ihren primitivsten, eindeutigsten Ausdruck zu suchen. Von dem Moment an wird jedes neue Werk von ihm ein Material, an dem der Leser jene Formel nachzuprüfen, zu präzisieren, zu bewähren trachtet. Im Grunde hat das Publikum bei jedem Autor nur ein Ohr für das, – für jene Botschaft, die er auf seinem Sterbebette, mit brechendem Atem, noch Zeit und Kraft genug besäße ihm zu sagen.
  5. Wer schreibt, der kann sich gar nicht genug vergegenwärtigen, wie modern der Verweis auf die „Nachwelt“ ist. Er stammt aus einer Epoche, da der freie Literat aufkam, und erklärt sich aus der mangelnden Fundierung seiner Stellung in der Gesellschaft. Der Hinweis auf den Nachruhm war ein Pressionsmittel gegen sie. Noch im siebzehnten Jahrhundert wäre kein Autor auf den Gedanken gekommen, der Mitwelt gegenüber sich auf eine Nachwelt zu berufen. Alle früheren Epochen sind eins in der Überzeugung, daß die Mitwelt die Schlüssel verwahrt, die die Tore des Nachruhms öffnen. Und um wieviel mehr gilt das heute, da jede kommende Generation zu Revisionsverfahren um so weniger Lust und Zeit finden kann, je mehr die Notwehr gegen die massive Unform des ihr überkommenen Erbes verzweifelte Formen annehmen muß.
  6. Ruhm, besser Erfolg, ist obligat geworden und bedeutet, heute, durchaus nicht mehr ein superadditum wie früher. Er ist in einer Epoche, da jedes kümmerliche Geschreibsel in Hunderttausenden von Exemplaren verbreitet ist, ein Aggregatzustand des Schrifttums. Je geringer der Erfolg eines Autors, eines Werkes, desto weniger sind sie ganz einfach vorhanden.
  7. Bedingung des Sieges: die Freude am äußerlichen Erfolge als solchen. Eine reine, uninteressierte Freude, die sich am besten darin bekundet, daß einer seine Lust am Erfolg hat, auch wenn es der eines Dritten und gerade wenn es ein „unverdienter“ gewesen ist. Ein pharisäischer Gerechtigkeitssinn ist eins der größten Hindernisse für jedes Fortkommen.
  8. Viel ist angeboren, aber viel tut das Training. Darum wird es niemandem glücken, der sich aufspart, nur immer für die größten Gegenstände sich ins Zeug legt und nicht imstande ist, mitunter für Geringes bis auf das Äußerste sich einzusetzen. Denn, was auch in der großen Verhandlung das Wichtigste ist, lernt er nur so: die Freude am Verhandeln, die bis zur sportlichen Freude am Partner geht, die große Fähigkeit, für Augenblicke das Ziel aus den Augen zu lassen (den Seinigen gibt der Herr es im Schlafe), und endlich und vor allem: Liebenswürdigkeit. Nicht die weichende, plane, bequeme, sondern die überraschende, dialektische, schwungvolle, die, ein Lasso, mit einem Ruck sich den Partner gefügig macht. Und ist nicht die ganze Gesellschaft durchsetzt von Figuren, an denen wir lernen sollen, Erfolg zu haben? Wie in Galizien die Taschendiebe Strohpuppen, über und über mit Schellen behängte Männchen, zur Ausbildung ihrer Eleven benutzen, so haben wir Kellner, Portiers, Beamte, Prinzipale, an ihnen, wie man mit Liebenswürdigkeit befiehlt, zu üben. Das „Sesam öffne dich“ des Erfolges ist das Wort, das die Sprache des Befehls mit der der Fortuna erzeugt hat.
  9. Let's hear what you can do! heißt es in Amerika für jeden, der sich um einen Posten bewirbt. Man will jedoch dabei viel weniger hören, was er sagt, als zusehen, wie er sich anstellt. Hier stößt er auf das Geheimnis der Prüfung. Wer prüft, verlangt gewöhnlich gar nichts Besseres, als von der Eignung seines Partners sich überzeugen zu lassen. Nun hat schon jeder die Erfahrung machen können, je öfter er mit einem Faktum, einer Ansicht, einer Formel auftrat, desto mehr verlor sie Suggestivkraft. Kaum je wird unsere Überzeugung andere so bezwingen wie den, der Zeuge war, wie sie in uns entstand. In jeder Prüfung sind daher die größten Chancen nicht beim wohlpräparierten Kandidaten, sondern beim Improvisator. Und aus dem gleichen Grunde geben fast immer die Nebenfragen, Nebensachen den Ausschlag. Der Inquisitor, den wir vor uns haben, verlangt vor allem, daß wir ihn über sein Amt hinwegtäuschen. Gelingt uns das, so ist er dankbar und bereit, uns vieles nachzulassen.
  10. An Klugheit, Menschenkenntnis und ähnlichen Gaben ist im wirklichen Leben viel weniger gelegen als man meint. Doch irgend ein Genie wohnt in jedem Erfolgreichen. Nur sollten wir es in abstracto ebensowenig suchen, wie wir das erotische Genie eines Don Juan zu beobachten trachten, wenn er allein ist. Auch der Erfolg ist ein Stelldichein: zur rechten Zeit sich da am rechten Ort zu finden, nichts Kleines. Denn das heißt: die Sprache verstehen, in der das Glück seine Abrede mit uns nimmt. Wie kann nun einer, der nie im Leben diese Sprache gehört hat, über die Genialität des Erfolgreichen urteilen? Er hat von ihr gar keinen Begriff. Ihm gilt alles für Zufall. Daß aber, was er so nennt, in der Grammatik des Glücks dasselbe ist wie in der unsern das unregelmäßige Verbum, nämlich die unverwischte Spur ursprünglicher Kraft, das kommt ihm nicht in den Sinn.
  11. Die Struktur jedes Erfolges ist im Grunde die Struktur des Hasards. Von dem eigenen Namen abzustoßen, das war noch immer die gründlichste Art und Weise, mit allen Hemmungen und Minderwertigkeitsgefühlen bei sich aufzuräumen. Und das Spiel ist solch steeple-chase über das Hürdenfeld des eigenen Ich. Der Spieler ist namenlos, hat keinen eigenen, braucht keinen fremden Namen. Denn das Jeton vertritt ihn, welches dort auf einem ganz bestimmten Platz des Tuches liegt, das grün heißt wie des Lebens goldner Baum und grau ist wie der Asphalt. Und welcher Rausch in dieser Stadt der Chance, diesem Straßennetz des Glücks, sich doppelt, allgegenwärtig machen und an zehn Ecken auf einmal der nahenden Fortuna auflauern zu können.
  12. Schwindeln darf einer so viel er will. Aber nie darf er sich als Schwindler fühlen. Hier gibt der Hochstapler das Vorbild schöpferischer Indifferenz. Sein angestammter Name ist die anonyme Sonne, um die sich der Planetenkranz der selbstbeschafften dreht. Geschlechter, Würden, Titel – kleine Welten, die aus dem Glutkern jener Sonne fuhren, um mildes Licht und sanfte Wärme an die Bürgerwelten abzugeben. Ja, sie sind seine Leistung an die Gesellschaft und führen darum jene bona fides mit sich, die dem gerissensten Hochstapler nie, dem armen Schlucker aber fast immer mangelt.
  13. Daß das Geheimnis des Erfolges nicht im Geist wohnt, verrät die Sprache mit dem Wort „Geistesgegenwart“. Also nicht das Daß und Wie – allein das Wo des Geistes entscheidet. Daß er im Augenblicke und im Raum zugegen sei, das schafft er nur, indem er in den Stimmfall, das Lächeln, das Verstummen, den Blick, die Geste eingeht. Denn Gegenwart des Geistes schafft allein der Leib. Und grade weil der, bei den großen Erfolgsmenschen, die Reserven des Geistes so eisern in Händen hält, spielt jener nur selten draußen seine glänzenden Spiele. Der Erfolg, mit dem Finanzgenies ihre Karriere machten, ist darum doch vom gleichen Schlage wie die Geistesgegenwart, mit der ein Abbe Galiani im Salon operierte. Nur wollen, wie Lenin sagte, heute nicht mehr Menschen, sondern Dinge bewältigt werden. Daher die Stumpfheit, die so oft bei den großen Wirtschaftsmagnaten die höchste Geistesgegenwart besiegelt.