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Man ist im Zustand zu hoffen, weil das physiologische Grundgefühl wieder stark und reich ist; man vertraut Gott, weil das Gefühl der Fülle und Stärke einem Ruhe gibt. (Friedrich Nietzsche)



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Bekennende Erkenntnisse

(Norbert Schultheis)

Rubrik: Aphorismen

Eine kleine Sammlung meiner Aphorismen, Reflexionen, Lebensweisheiten und sonstigen Eseleien.

Gerne möchte ich sie mit einem Zitat aus Montaignes hellsichtigen Essais einleiten, das ich Juni 2017 mit überschwänglicher Begeisterung entdeckte, denn es umschreibt viel besser den Kontext meiner kleinen Textsammlung, als ich da selbst zu in der Lage wäre:
„Meine Auffassung und mein Urteil bilden sich nur mühsam; ich taste, ich schwanke, ich stoße mich, und ich strauchle fortgesetzt; und wenn ich so weit gekommen bin, wie es mir möglich ist, dann bin ich mit mir keineswegs zufrieden; ich sehe dahinter noch Land, das es zu entdecken gälte, aber undeutlich und in einem Nebel, den ich nicht durchdringen kann. Gewöhnlich nehme ich mir weiter nichts vor, als alles aufzuschreiben, was mir gerade einfällt, ganz gleich, was es ist, dabei aber nur die Gedanken zu benutzen, die wirklich auf meinem Acker gewachsen sind. Nun passiert es mir oft, dass ich in guten Schriftstellern dieselben Gesichtspunkte behandelt finde, über die zu sprechen ich mir selber vorgenommen habe, und dann sehe ich, wie schwach und ärmlich, ungeschickt und langweilig ich bin im Vergleich zu diesen Männern, so dass ich auf mich heruntersehe und mir selbst leid tue; und dann befriedigt es mich auch wieder, dass meine Gedanken sich mit den ihrigen begegnen und dass ich wenigstens, weit hinter ihnen, die gleichen Wahrheiten aufleuchten sehe; und außerdem befriedigt es mich, dass ich, was nicht jeder von sich sagen kann, erkenne, welch gewaltiger Unterschied zwischen ihnen und mir besteht; trotzdem lass ich dem, was ich mir da ausdenke, freien Lauf, und ich lasse es so, wie es aus mir herausgequollen ist, und ich verkleistere und flicke die Unvollkommenheiten nicht, die mir bei diesem Vergleich deutlich geworden sind.“
Hier nun meine unbeholfenen Gehversuche in absteigend chronologischer Reihenfolge (also der neuste zuerst, der älteste zuletzt):
  • Ein Mensch, der am Ende einer Sackgasse umkehrt, schreitet der vor oder zurück? – Ich denke, er tut das eine durch das andere, und Progression durch Regression ist kein Widerspruch, sondern kommt überall dort vor, wo der Weg nicht gradlinig verläuft und noch unbekannt ist, wie zum Beispiel im Leben und in sonstigen Labyrinthen.
  • Es gibt erstaunlich viele Menschen, die ihr abstraktes Denkvermögen zelebrieren, bei denen aber abstrakte Kunst Unverständnis hervorruft.
  • Bei genauer Betrachtung findet sich nichts, das allein dadurch besser wird, dass es immer mehr wird, auch nicht die Fähigkeit zum Genauerbetrachten.
  • Der Löwe sieht nur die eine Antilope, auf die er fokussiert ist. Die Antilope sieht hingegeben alle Löwen um sich herum aufgrund ihrer Umsichtigkeit. Der Augenabstand eines Tieres verrät viel darüber, ob es ein Raub- oder Fluchttier ist, ob es raubt oder Fluchttiefen findet. Beim Menschen liegen diese Augen leider in seinem Inneren verborgen inmitten von schönen Worten, drum heißt es hier: Erkenne dich selbst und erkenne die anderen allein aufgrund deines und ihres Verhaltens!
  • Nicht denen ist die Welt nicht genug, die sich als zu groß für dieselbe sehen, sondern deren Weltverständnis zu klein ist.
  • Der Mond ist weiser als die Erde, insofern er den gemeinsamen Schwerpunkt nicht in sich selbst findet und seine dunkle Seite geheim, darum interessant, und seinen Schatten klein hält, den er auch nur selten, fast möchte man sagen: behutsam auf die Erde wirft.
  • Kategorischer Imperativ des Menschengeschlechts: „Bewahre die Bedingungen der Möglichkeit des Menschengeschlechts!“ – Dies als Angebot eines materialen Gehalts für Hans Kelsens „Grundnorm“ (was aber eine Verschiebung seines reinen Rechtspositivismus in Richtung Vernunftrecht bedeuten würde), aus der die Menschenwürde, die Grundrechte und sämtliche konkretere Normen ableitbar sind. Der vernunftbegabte Mensch ist immer schon ein normatives Wesen und lebt immer schon in einer normativen Welt, die mit ihm gleichermaßen evolviert ist. Er muss sie sich nicht erst herleiten, ohne sie kann es ihn als ein soziales Vernunftwesen gar nicht geben. Menschwerdung geht Hand in Hand mit Vernunftwerdung und der Schaffung und Verfeinerung einer sozialen, symbolisch-sinnhaften und normativen, eben menschlichen Welt.
  • Wie öft höre ich: „Der Mensch unterliegt der Evolution. Gier hat einen evolutionären Vorteil. Drum hat Gier durchaus seinen Zweck!“ Das mag nicht ganz falsch sein, aber warum höre ich so selten: „Der Mensch unterliegt der Evolution. Vernunft hat einen evolutionären Vorteil. Drum hat Vernunft durchaus seinen Zweck!“?
  • Nicht einmal das dümmste Schaf wendet sich an den Wolf, wenn sich der Leithammel nicht genügend um es kümmert. Ganz offensichtlich ersetzt beim Menschen der Verstand nicht immer diesen Instinkt, und dies um so weniger, je lieber noch einem Leithammel hinterhergelaufen wird.
  • Wie schade, dass die amerikanischen Waffenlobbyisten nicht Wasserpistolen bevorzugen, wie die anderen Kinder auch. Zumindest könnten sie doch die Zielfernrohre auf ihren Gewehren durch Spiegel ersetzen lassen, damit die Schützen ihre mit Hass und Wut besetzten Probleme, die sie beseitigen wollen, noch viel besser erkennen können. Und auch so manchen Besitzern von Kampfhunden wäre mit Blindenhunden deutlich besser gedient.
  • Wie viele ältere Menschen benutzen Gehhilfen und bräuchten doch nur Richtungshilfen. Und wie viele jüngere Menschen schwören auf ihre eigenen Kompasse und bräuchten viel mehr Gehhilfen.
  • Einige Wähler scheinen bei ihrer Stimmabgabe der Überzeugung zu sein, „gescheitert“ sei eine Steigerungsform von „gescheit“.
  • Vernunft ist das Vermögen zur Deliberation sämtlicher Perspektiven, die ein Mensch in der Lage ist einzunehmen. Seine Vernunft wächst demnach mit der Anzahl der Rollen, in die er aktiv schlüpfen, mit deren Blicken er schauen und mit deren Stimmen er sprechen kann, und deren Mediator er dann auch ist. Dieser Gedanke lässt sich mit der folgenden Aussage des Philosophen Wolfgang Welsch wunderbar ergänzen: „Ein Mensch, der nur seinen eigenen Standpunkt kennen würde, wäre kein Mensch und nicht einmal ein Tier, sondern leider nur ein Vollpfosten. Zwischen verschiedenen Perspektiven wechseln zu können, ist eine elementare Fähigkeit vernünftiger Menschen. Für Rationalität genügt eine einzige Perspektive – mit der man dann freilich allzu oft in Sackgassen gerät oder an Mauern fährt. Zweiäugigkeit sollte das Minimum sein.“
  • Vielleicht sollten nur diejenigen die Zulassung zu einem praktisch ausgerichteten sozial-, insbesondere wirtschaftswissenschaftlichen Beruf erhalten, die sich auch ohne die empathogene Wirkung von Alkohol gerne mal von einem Fremden umarmen lassen. Schließlich gestatten wir es einem Sehbehinderten auch nicht, Berufspilot zu werden.
  • Glück hat auch immer mit der Fähigkeit des Menschen zu tun, auszublenden, den Kontext klein zu halten, das Komplexe zu vereinfachen oder schon immer als einfach zu betrachten. Ein Glück für die Menschheit ist es, dass manche Menschen diese Fähigkeit nicht besitzen oder nicht gebrauchen wollen.
  • Wie gut, dass sich durch Bildung auch Geld verdienen lässt, sonst wäre Bildungshunger schon längst als eine Form von Sucht pathologisiert worden.
  • Rücksichtnahme ist die edelste Form der Berücksichtigung. Alle anderen Formen sind bloß Rückversicherungen, in die man einzahlt, um Schaden abwenden oder bei Gelegenheit Ansprüche geltend machen zu können. Häufig anzutreffen bei zielorientierten Selbstverwaltern, vor allem bei deren Extremform: den ehrgeizigen Selbstoptimierern – ganz so, als ob ihnen Goethes (hier leicht abgewandelter) Spott als Denkanleitung ständig in den Ohren läg: „Mir geht in der Welt nichts über mich, denn ihr seid ihr und ich bin ich.“
  • In unsicheren Zeiten wählen die Bürger lieber das vermeintlich Sichere, zumeist das Bestehende, ohne hinreichend zu berücksichtigen, wodurch die Unsicherheit denn überhaupt entstanden ist. Ohne Kenntnis des richtigen Kurses und ohne die Fähigkeit zur Kurskorrektur fahren selbst die leistungsstärksten Züge in den Abgrund.
  • Es ist leider häufig und immer wieder festzustellen, dass diejenigen, die von Mitmenschlichkeit und Menschenliebe am meisten reden, davon am wenigsten verstehen, wenn das Thema sie persönlich fordert. Deshalb reden sie wohl auch so häufig davon, um sich selbst zu täuschen, denn mit Täuschungen haben diese armen Seelen reichlich Erfahrung. Und das auffallend oft in einem religiösen oder spirituellen Jargon mit der verschütteten Kernforderung: „Die Welt dreht sich doch primär um mich, oh Herr, drum hilf doch zuvörderst mir!“ – Für eine praktische Welt der Mitmenschlichkeit und Menschenliebe reicht es eben nicht aus, von sich nur gut zu denken.
  • Leistung zeigt sich auf mancherlei Weise: Klotzen statt Kleckern, Schreien statt Singen, Ehrgeiz statt Genügsamkeit, Zeit bekämpfen statt Zeit haben – oder generell: Kampf statt Leben und zu häufig leider: Gewalt statt Friedfertigkeit.
  • Die vielleicht schlimmste Form von Gier ist das völlige Fehlen der Einsicht und des Willens, auf etwas verzichten zu sollen bzw. zu wollen. Sich äußernd als jene innere nagende Stimme des Ichs, die sich bei allen Gelegenheiten in den Vordergrund drängt und nicht müde wird zu fragen: „Was hab' ich denn davon?“
  • Der Bezug geht dem Bezogenen voraus. Alles konstituiert sich durch seinen Bezug – auf anderes und auch reflexiv auf sich selbst sowie durch das Zusammenspielen seiner Elemente, welche sich ebenso konstituieren, bishin zu den Elementarteilen. An diesem Punkt lasse ich aber lieber den verdienstvollen Physiker Hans-Peter Dürr für mich sprechen, der davon weit mehr versteht als ich: „Im Grunde gibt es Materie gar nicht. Jedenfalls nicht im geläufigen Sinne. Es gibt nur ein Beziehungsgefüge, ständigen Wandel, Lebendigkeit. Wir tun uns schwer, uns dies vorzustellen. Primär existiert nur Zusammenhang, das Verbindende ohne materielle Grundlage.“
  • Not macht erfinderisch. – Ehrgeiz auch. Freude ebenfalls. Ebenso Vernunft, und am besten niemals ohne diese – könnte vor allem auch der Not vorbeugen.
  • Das eherne Gesetz der Ökonomie: Je größer der Kuchen, desto unterschiedlicher groß die Stücke. Dabei kommt die Größe des Kuchens doch umso mehr zum Tragen, je gleicher die Größen der Stücke sind.
  • Amüsant: Ökonomen dabei zuzuschauen, wenn sie Gerechtigkeit berechnen. – Furchtbar: Die Konsequenzen dessen mitzuerleben, wenn sie glauben, es sei ihnen gelungen.
  • Das Lieblingsspiel des Philosophen: Gewissheiten in Frage zu stellen – spielt man aber besser alleine. Mit anderen macht's zwar auch Spaß, aber die meisten scheinen sich nicht so recht dafür begeistern zu können.
  • Manche Frau hat gelernt, es als hinreichend zu akzeptieren, dass ihr Mann ein Mammut erlegen kann (oder ähnliche „große Ziele“ erreichen kann), möchte sie nicht als irrational oder überkompliziert gelten. Notwendigerweise. – Und manchen Frauen reicht das tatsächlich. Für sie hat mann die Frauenquote eingeführt.
  • Der Spiegel spiegelt den Menschen am schlechtesten in seiner Wohnung.
  • Rhetorische Ellipsen sind wie Bilder, geschickt angewandt sagen sie mehr als tausend Worte.
  • Kompatibilität steigert sich mit zunehmender Einfachheit, sprach der Eremit.
  • Das Staunen führte mich zur theoretischen Philosophie, das Empören zur praktischen Philosophie. Je besser ich die Welt der Natur verstehe, umso mehr erstaunt sie mich, und je besser ich die Welt der Praxis verstehe, umso mehr empört sie mich.
  • Aus der Erkenntnis, dass Menschen notwendigerweise und darum immer schon von anderen abhängig sind, kann es keine Individualität ohne (oder mit nachrangiger) Sozialität geben, wohl aber eine Sozialität ohne Individualität. Aufgrund meines Freiheitsverständnisses plädiere ich für die verbleibende Form: eine Sozialität mit Individualität, gedacht als ein „postkollektives“ globales Wir, denn alle Kollektivismen sind und waren bislang nur Brutstätten für Autoritarismen oder Totalitarismen. Und vermeintliche Individualismen geben sich als bloße Chimäre mit etwas Scharfblick ebenfalls als (raffiniertere) Form einer solchen Art von Kollektivismus (meist als Konformismus) zu erkennen. – Die Maxime sollte daher lauten: „Sei »Ich« und denke »Wir alle«!“
  • Immer wenn die Philosophie zur Magd wird, sei es zu der der Religion, der Wissenschaft oder nun in Form des „Chief Philosophy Officers“ zu der der Ökonomie, wird man anschließend und in klareren, aufgeklärteren Zeiten, die Epoche, in der diese Knechtschaft der Vernunft stattgefunden hat, als „düster“ bezeichnen. Hellsichtigkeit bedeutet nicht nur, im Dunkeln sehen zu können, sondern vor allem überhaupt erkennen zu können, ob man sich gerade im Dunkeln befindet.
  • Die drei großen Weisheiten der Philosophie: 1. „Erkenne Dich selbst!“, 2. „Werde, der Du bist!“ und 3. An Kant führt kein Weg vorbei.
  • „Musik ist eine Reflexion der Zeit, in der sie entsteht“, sinnierte einst Diana Ross und hat damit auch vollkommen recht. Ich möchte aber ergänzen, dass selbst der Klang der Stimme dem Zeitgeist hinzuzurechnen ist. Denn wie anders sollte es erklärbar sein, warum soviel lauthalses Geschrei an den Spitzen aktueller Charts als guter Gesang empfunden wird?
  • Es gibt Menschen mit einem wunderbaren Verständnis für komplizierte Sachverhalte, die jedoch keinen Sinn für Komplexität besitzten und schon an den einfachsten sozialen Anforderungen scheitern.
  • Es gesellt sich schnell zur Lüge die Selbstlüge, zum Glauben die Überzeugung, zum Überzeugtsein die Predigt (im Zeitalter des Internets auch „Kommentar“ oder „Blog“ genannt) und zur Predigt das Selbstüberzeugen – alles als Selbstimmunisierungsstrategien einer verletzbaren und brüchigen Identität.
  • Denkgebäude unter Denkmalschutz zu stellen ist sehr bedenklich, vor allem solche, die dringend einer Komplettsanierung bedürfen. – Oder um mit den bedachten Worten von Peter Sloterdijk zu sprechen: „Der Hauptwiderstand gegen das Denken besteht im Schon-gedacht-haben.“
  • All die vielen Einäugigen in der Welt können zusammen nicht, was ein einziger Binokularsehender vermag: Tiefe wahrnehmen. – Es mag das Sprichwort stimmen, dass in der Welt der Blinden der Einäugige König ist, aber dem Beidäugigen gelingt in der Welt der Einäugigen nicht derselbe Aufstieg: Er wird nicht König (verehrt als ein solcher würde er nur schnell gekreuzigt werden), sondern Eremit.
  • Wenn das Bildungssystem mit dem Virus der ökonomischen Logik kontaminiert wird, produziert es nur noch Wissen, das ökonomisch verwertbar ist, und es entstehen dann Lehrkörper, die nur noch die Vermittlung solchen Wissens für sinnvoll halten. Es tut not, Logik immer im Plural zu denken.
  • Steigerungsformen der Wertigkeit des Ichs: „Ich bin gut.“ -> „Ich bin besser als andere.“ -> „Ich bin der Beste.“ – oder etwas anders ausgedrückt: Selbstwerterfindung -> Selbstwerterhöhung durch Abwertung anderer -> Selbstwertproblematik (auch oft als zeitliche Reihenfolge beobachtbar).
  • Männer haben eine höhere Disposition, an Morbus Reduktionismus oder an mechanistischer Kausalitis zu erkranken, als Frauen.
  • Wenn der Mensch sich mit Affen vergleicht, um sich selbst besser zu verstehen, versteht er nur das besser an sich, was an ihm affenähnlich ist. Bei allem nottuenden Erkenntnisgewinn (vor allem für die Affen) besteht dabei die Gefahr, dass er das aus dem Blick verliert, was an ihm eigentümlich menschlich ist. – Es scheint mir generell so, dass die Methode der Graduierung und Quantifizierung, die durch ihre Vergleichbarmachung so nützlich sein kann (man denke allein an das Geld), ganz allmählich und in umfassender Form den Sinn für Qualitäten trübt. – Zumindest zeigt sie Auswirkungen auf die Urteilskraft bei der Festlegung von Prioritäten (man denke erneut an das Geld).
  • Alle Steine, die ihr ganzes Dasein nur in seichten Flussbetten verbringen, werden irgendwann mal rund und glatt. Sie verlieren ganz allmählich all ihre Ecken und Kanten, durch die sie sich von den anderen Steinen einst so deutlich unterschieden. – So auch bei den vielen denkversteinerten Menschen.
  • Philosophen werden vielleicht deshalb manchmal so schlecht verstanden, weil sie seltener von sich selbst sprechen. Auf manche Menschen wirkt dann der fehlende Selbstbezug sehr verwirrend oder unglaubwürdig, und die darin liegende Abstraktheit und Allgemeinheit sieht für sie aus wie ein Turm aus Elfenbein.
  • Wenn ich ein Messer wäre und mein Verstand die Klinge, die es zu schärfen gälte, würde ich viel schneller erkennen, dass mir das alleine nicht gelänge. Mir wäre dann direkt einsichtig, dass ich dazu einen Schleifstein bräuchte, der härter sein müsste als das Metall meiner Klinge. Diesen finde ich (zurück als Mensch) z.B. immer in geistreichen Büchern und vor allem in Gesprächen mit Menschen, die in gewissen Hinsichten klüger sind als ich. Und ein Messer verwendet die Schärfe seiner Klinge nicht dafür, seinen Selbstwert zu erhöhen, sondern nur, um damit sauber zu schneiden.
  • Es gibt eine auffallend hohe Bereitschaft, bestimmte Tugenden hochzuhalten und deren Missachtung zu ächten bei solchen, deren alltägliche Praktiken und Pflichten unvermeidlich mit diesen Tugenden zusammenhängen. Sie aber nennen ihre Pflichten dann Werte, und ihr Gerechtigkeitssinn folgt auch dementsprechend dem Prinzip: „Ich muss, also soll der andere gefälligst das gleiche müssen!“ – Eine nicht zu unterschätzende Hürde beim Fortschritt, deshalb halten auch vorwiegend Konservative an diesem Äquivalenzprinzip fest.
  • Manche Menschen lesen lieber Bücher als Medaillen zu gewinnen, weil Bücher mehr als nur zwei Seiten haben. Es ist aber schon ein Fortschritt, wenn man überhaupt erkennt, dass jede Medaille stets zwei Seiten hat. Besser eignet sich jedoch als Metapher für einen Rundumblick die Kugel, die man auf genauso viele Weisen betrachten kann, wie man Punkte auf ihr vorfindet oder aufzuzeichnen in der Lage ist. Erkenntnis bedeutet dann, all diese perspektivisch verschiedenen Ausschnitte zu einem runden Gesamtbild zu integrieren, auch wenn sie auf den ersten Blick nicht so recht zueinander passen wollen – ganz ähnlich wie bei einem Fußballspiel, dei dem die Zuschauer ringsum im Stadion ihr je eigenes und dennoch alle dasselbe Spiel sehen. Doch Menschen, die lieber ihre Medaillen anschauen, für die sie so lange trainiert hatten, polieren am liebsten nur deren Vorderseite, damit sie sich in deren Glanz spiegeln können. – Eine weit verbreitete Form von Ein-sicht.
  • Nichts offenbart mehr über das Selbst- und Menschenbild einer Person als ihre Argumentation hinsichtlich eines bedingungslosen Grundeinkommens, und auch (nach einer Redewese Marx), wie stark ihr Bewusstsein durch das Sein bestimmt wurde. Beachtenswert und für sozialen Fortschritt unumgänglich sind gerade solche Menschen (wie z.B. damals Marx und Engels, oder heute so unterschiedliche Denker wie Jean Ziegler, Michael Hartmann und Götz Werner), die der einen Seite angehören, aber für die andere, weil trotz allem als die gerechter und vernünftiger erkannte Seite streiten.
  • Freiheit und Fortschritt sind keine Werte an sich. Wert erhalten sie erst durch die Kopplung an das Soziale.
  • Es sind genau die Schafe, die am lautesten blöken, die die Stärke des Wolfes bewundern.
  • Wer egoistisches Denken als kleingeistig betrachtet, muss zuvor erkannt haben, dass Geist weniger eine individuelle als vielmehr eine soziale Dimension hat.
  • Alle, die sich messen wollen, bringen ihre eigenen Maßstäbe gleich mit, oder nehmen sich direkt selbst zum Maßstab. Ganz sonderbar solche, die mit ihrem höheren IQ als den von Gandhi oder mit ihrem größeren Reichtum als den von Mutter Teresa kokettieren.
  • Die Aufgabe der Wissenschaft ist es, feste Fundamente zu errichten, auf die man bauen kann. Die Aufgabe der Philosophie ist es hingegen, brüchige Fundamente zu zerstören, oder das darauf Aufgebaute zum Schwanken und ggf. zum Einsturz zu bringen. Darin liegt deren wesentlicher Unterschied. Insofern sichert die Philosophie das Fundament der Wissenschaft und hält sie in Form – und die Wissenschaft hält die Philosophie auf Trab und bewahrt sie davor einzurosten.
  • Ein mentalistischer Fehlschluss: „Ich kann es nicht so/anders denken, also kann es nicht so/anders sein!“ Deshalb muss man nicht gleich Skeptiker oder Relativist werden, nur die Wahrheitsfindung gestaltet sich als schwieriger.
  • Wem die Ideen ausgehen wird Historiker – auf die eine oder andere Weise. Und sind wir nicht alle Historiker – auf die eine oder andere Weise?
  • Zur Bildung geeignet sind Lehr- und Sachbücher ebenso wie aphoristische und essayistische Werke. Gleichen Erstere eher einer seichten Brise, die dem Leser erfrischend ins Gesicht bläst, ohne ihn davonzutragen, entsprechen Letztere vielmehr einem Sog, der aufwühlt und Dunst erzeugt, der den Leser fortreißt und einsaugt. Welchen Werken man den Vorzug gibt, hängt davon ab, ob man lieber an der Oberfläche in die Weite segelt, oder doch lieber in die Tiefe taucht. „Aber“, so könnte man erwidern, „ich mache Beides gerne, je nach Wetterlage!“
  • Nur wer sich nirgendwo vollends zu Hause fühlt, findet überall anheimelnde Behaglichkeit und kann auch ohne Wehmut weiterziehen, denn er betrachtet die ganze Welt als sein Zuhause, gerade dann, wenn die Häuser Weltbilder sind. – Indes kein schöner Ort für Lokalmatadore und Tradionalisten und sonstigen Provinzdünkel, die auf dieselbe unüberhörbare Weise zu Sportveranstaltungen marschieren wie einst zum Schlachtfeld.
  • Es sind gerade die griffigsten Redewendungen, die nicht immer begriffen werden.
  • Narzissmus ist auch eine Art Zwangsstörung. Beim Kontrollzwang kann die betroffene Person das negative Gefühl, das durch eine vermeintlich gefährliche Situation verursacht wird, durch ihr Handeln nicht neutralisieren, und sie muss die Handlung deshalb ständig wiederholen. Zum Beispiel stellt sich bei ihr das Gefühl nicht ein, dass die Wohnungstüre sicher verschlossen ist, selbst wenn sie sie schon etliche Male kontrolliert hat. Genauso beim Narzissten: Bei ihm stellt sich auch nicht das Gefühl ein, zu genügen oder zu gefallen, und er muss sich deshalb ständig seines Selbstwerts von neuem vergewissern. Aber im Gegensatz zu vielen Narzissten ist sich der Betroffene einer Kontrollzwangsstörung häufig seiner Zwänge bewusst und braucht darum seine Handlungen nicht zu glorifizieren – und wird auch deshalb nicht von anderen glorifiziert trotz allen Tatendrangs.
  • Früher bevorzugte ich das Eindeutige, das Klare, das Berechenbare, das Exakte, das Rationale, die Mathematik, die Technik, das Rätsellösen, ... das Ergebnis. Heute liebe ich mehr das Mehrdeutige, das Paradoxe, das Unlösbare, das Vage, das Mysteriöse, die Philosophie, den Geist, die Rätsel an sich, ... das Leben.
  • „Bücherwissen“ sollte mit „Weisheit aus Büchern“ strikt unterschieden werden. Meint Ersteres einen bloßen quantitativen Kenntniszuwachs, der dazu befähigt, den Inhalt eines Buches rezitieren zu können, so bedeutet Letzteres etwas völlig anderes: Hier tritt man in Kontakt mit dem Autor, lernt in kennen, bis man schließlich seine Sichtweise übernehmen und mit ihm einen gedanklichen Dialog führen kann. Dieser gelingt umso besser, je mehr man von ihm erfahren hat und je empathischer man sich in ihn hineinversetzen und somit zum Kern seines Denkens vordringen kann. Diese praktische Komponente hat die Qualität und den Mehrwert einer jeden guten Ich-Du-Beziehung in Abgrenzung zum reinen angelesenen Wissenserwerb.
  • Die Systemtheorie lehrt, jede Beobachtung hat immer einen blinden Fleck, nämlich die jeweilige Perspektive der Beobachtung als ein nicht wahrnehmbares Außerhalb derselben. Mit dieser weitreichenden Sichtweise kann man aber die Welt als Ganzes nicht erfassen; das erkannte und beschrieb auch ein prominenter Vertreter des sogenannten „Neuen Realismus“. Erst mit einem anderen Erfassungsvermögen, bei dem Beobachter und Beobachtung verschmelzen, bei dem die Perspektive sich selbst transparent und quasi ein Überall wird, gelingt ein tiefes Verständnis für das Weltganze. Diese Weltsicht nennt sich Weisheit und besitzen nur die Allerwenigsten (und nein! – damit meine ich nicht mich selbst, noch lange nicht!).
  • Die meisten Querulanten und selbsternannten Querdenker sind nur schief gewickelt. Der kleine verbleibende Rest stellt sich nicht quer, sondern fliegt in die Höhe, blickt herab wie ein Vogel und erobert somit eine neue Dimension und Perspektive. Denn diese (typischerweise auch als „freischwebende Intelligenz“ bezeichneten) Denker wissen, man bedarf immer einer Dimension mehr nebst eines gewissen Abstands, um das Betrachtete komplett und ungebunden erfassen und angemessen bewerten zu können. Aber da das Fliegenlernen sehr mühselig und zeitraubend ist, gibt es derer nur so wenige.
  • Wahre menschliche Größe erkennt man an ihrem Demut und ihrer Bescheidenheit. Die Selbstbetrachtung der Größe als Kleinheit ist keine kognitive Verzerrung, sondern trägt der Einsicht Rechnung, dass jedes Wissen, mag es noch so hoch entwickelt sein, im Vergleich zur Allwissenheit nur ein Tropfen im Ozean ist. Als höchst entwickelte Erkenntnis ist die Weisheit des Weisen jedoch (normativ gesehen) Richtschnur für alle Menschen. Das Umgekehrte, wenn sich die Kleinheit als Große aufspielt, ist in seiner ubiquitären Präsenz der Kulminationspunkt eines individualistischen und auf Wettbewerb getrimmten Gesellschaftssystems, das permanente Selbstüberschätzung und Selbstüberforderung erzeugt.
  • Das Privileg ist wie ein schwarzes Loch im sozialen Universum. Es frisst alles Soziale auf, nur um gravitativ zu wachsen. Verfällt ein Mensch dessen enormer Anziehungskraft, bewirkt genau diese, dass all seine Gedanken sich nur noch zentripetal um ihn selbst drehen. So hält er das Privileg schließlich für eine natürlich angeborene Eigenschaft, die ihn denken lässt, sein persönlicher, ausschließlich materieller Wachstum käme nur durch seine eigene Kraft zustande. Und er hält dann den an seinem Privileg haftenden Besitz für eine Art Körperteil, das ihm natürlich ist, das er zu schützen hat, meist im Namen der (oder besser gesagt: seiner) Freiheit – deshalb nennt er sich auch oft Libertarier.
  • Die naturalistische Erforschung des Sozialen ist wie das Beleuchten eines Spiegels im Dunkeln mit einer rot leuchtenden Taschenlampe, nur um dann festzustellen, dass der Spiegel rot ist.
  • Unzufriedenheit lösen die Weltreligionen in ihrer derzeitigen, unflexiblen Gestalt mit ihren einseitigen und beschränkten Blickwinkeln in mir aus. Noch unzufriedener, um nicht zu sagen besorgt, macht mich aber der Gedanke an das partikuläre gesellschaftliche Verlangen, Religionen ersatzlos streichen zu wollen.
  • Wenn ich mir die Welt so anschaue, ihre Entwicklung im Hinblick auf ihre Möglichkeiten, so scheint mir Leibniz´ „beste aller möglichen Welten“ sich zu einer „Bestienwelt ohne Möglichkeiten“ hinentwickelt zu haben.
  • Am 8. November 2016 hat sich mal wieder der Wahrheitsgehalt des Aphorismus von Joseph de Maistre bestätigt: „Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient.“
  • Wer sich immer nur ablenkt, kann sich wohl kaum auf Spur halten und vergisst womöglich noch, wovon er sich ablenkt, so dass sein Leben eine Aneinanderreihung von Ablenkungen wird. Beispiele dafür sind stundenlanges und unreflektiertes Fernsehen, Musikhören, Computerspielen und dergleichen mehr: Der Todfeind jeder geistigen Entwicklung, auch wenn sie zwangsverortnet werden, wie z.B. stupides, repetitives oder allgemein nicht sinnstiftendes Arbeiten.
  • Den meisten Menschen fehlt es an Schliff und Glanz, weil sie sich ihrer Schleif- und Poliersteine entledigt haben; deren Schwere würde ihre Freiheit einschränken – dabei waren es genau diese, welche ihnen Gewicht verliehen.
  • Ich hoffe, die Welt ist ein Puzzle, in dem alle Teile sich so formen, dass sie zueinander passen und zusammen ein schönes Bild ergeben. Vielleicht ist dafür ein gewisses Aneinanderreiben und sanfter Abrieb nötig. Ich übe mich derweil in der Kunst des Puzzlespielens mitsamt seinen Tugenden: Geduld, Ausdauer, Sanftmut und vor allem: Lust am Spielen.
  • Als »gut« kann die Übereinstimmung der deskriptiven mit der normativen Welt bezeichnet werden, oder lapidar gesagt: „Etwas ist gut, wenn es so ist, wie es sein soll.“ Und der Klebstoff, der diese Welten in Harmonie zusammenhält, scheint mir der soziale zu sein, dessen Form der Frieden ist. Somit ist vielleicht globaler sozialer Zusammenhalt »das Gute« schlechthin.
  • Der einfachste Weg, sich einen fremden Gedanken einzuverleiben – ihn zum eigenen zu machen, ist wohlbegründet zu sagen: „Ich gebe Dir recht“. Eine sehr wertvolle Fähigkeit des Menschen. Mindestens genauso wertvoll ist es aber, aus guten Gründen sagen zu können: „Das sehe ich aber anders!“ – vor allem als spätere Grundlage für Ersteres. Zusammen wird dies »Entwicklung« genannt – unabhängig davon, welcher Zwerg auf wessen Schultern steht. (Das dazu korrespondierende Bild des Riesen entspringt dem individualistisch-elitären Denken und ist für dieses von großer Bedeutung.)
  • Für einen Egozentriker ist genuiner Altruismus nicht widerspruchsfrei denkbar. Es verbleibt bei ihm immer ein Rest Eigennutz oder Egoismus, der nur durch einen echten Perspektivwechsel beseitigt werden kann, zu dem der Egozentriker aber nicht fähig ist. Aus demselben Grund ist er davon überzeugt, dass auch alle anderen Menschen zu einem solchen Perspektivwechsel unter Absehung des eigenen Standpunkts nicht in der Lage seien und dieser bloß ein Hirngespinst sei, zumindest aber eine motivationale Überforderung darstelle. So bleibt sein Denken konsistent und... beschränkt.
  • Ich glaube, das Pathos der Leidenschaft hält nur derjenige hoch, der das Gefühl der Glückseligkeit im Zustand der Gelassenheit noch nicht gespürt hat. Und vom Standpunkt der Leidenschaft aus ist Gelassenheit nicht von Gleichgültigkeit zu unterscheiden, genauso wenig wie vom Standpunkt des Ehrgeizes aus Genügsamkeit nicht von Resignation zu unterscheiden ist.
  • Jeder Kommentar, der nicht Resultat einer ausgiebigen Bildung ist, hat denselben Wert, als ob ein Mathematiker eine Gleichung aus dem kleinen Einmaleins vorträgt, und das womöglich noch falsch. Dabei steht der Nachdruck, mit dem die eigene Meinung kuntgetan wird, in einem merkwürdigen proportionalen Verhältnis zur Unkenntnis des Themas. Auf Facebook würde ich nur Kommentare solcher Menschen lesen, die sich dort nicht äußern, ja dort nicht einmal angemeldet sind. Deshalb verbringe ich auch deutlich mehr Zeit auf Booklooker als auf Facebook.
  • Paul Valéry hatte recht, als er schrieb: „Zum höchsten Punkt seiner selbst gelangt man nur auf dem Umweg über die anderen und mit ihrer Hilfe.“ – aber ich sehe das nicht als Umweg.
  • Ich kann mit der Unterscheidung zwischen Kopf- und Bauchmensch nicht wirklich etwas anfangen: Mein Bauchgefühl sagt mir nämlich, ich sei ein Kopfmensch, und als Kopfmensch kann ich rational begründen, warum es oft besser ist, auf das Bauchgefühl zu hören.
  • Wo Hass und Wut regieren, dort ist für Verstand und Vernunft kein Platz, höchstens noch als deren Dienstleister.
  • Man kann sich die gesellschaftlich-politische Welt auf ähnliche Weise vorstellen wie die geologisch-tektonische. Wie die Erdplatten gemäß der Tektonik reiben sich die unterschiedlichen Weltanschauungen aneinander, was zu Spannungen und schließlich zu Beben führt. Aber hier nur in der Drift einer einzelnen tektonischen Platte den Grund für Erdbeben und sonstige Naturkatastrophen zu suchen ist genauso verfehlt, wie nur eine Partei als den Schuldigen für Kriege und sonstige menschengemachte Katastrophen auszumachen. Im Gegensatz zu den Platten verfügt der Mensch aber über Vernunft und ist prinzipiell in der Lage, Einsicht in die komplexe Dynamik zu gewinnen, in den Weltverlauf handelnd einzugreifen und auf diese Weise die Spannungen der Welt zu reduzieren. Dazu muss er aber die Überlegenheit seiner eigenen Platte in Frage stellen können und sich seiner Konvektionsströme, der tief sitzenden Gründe für seine persönliche Drift bewusst werden.
  • Ein Mensch steht immer im Spannungsverhältnis mit seiner eigenen Bedeutung, wenn er dieselbe selbst hervorbringen will. Dann entstehen nicht nur Bedeutungsprobleme, sondern auch Weltdeutungsprobleme, die der Betroffene dann aber als „Wahrheiten“ auszeichnet, schließlich soll sein Vorhaben ja gelingen, zumindest in seiner eigenen Welt. Diese Betrachtungsweise funktioniert auch oft in die andere Richtung bei Menschen, die das Wort „Wahrheit“ sehr häufig benutzen, oder sich selbst als „Freund der Wahrheit“ ausrufen. – Ich wende das besser mal nicht auf mich selbst an...
  • Es zeugt von eigentümlicher Selbstbezogenheit, wenn man das Bewusstsein als Werkzeug des personalen Ichs versteht. Vielmehr sollte man es als virtuelles soziales Organ verstehen, insofern der Mensch immer auch und zuallererst ein soziales und sprachgebundenes Wesen darstellt. Aus dieser Perspektive heraus scheint mir die Erforschung des Bewusstseins erfolgversprechender zu sein, anstatt es als eine in sich abgeschlossene, für sich selbst funktionierende Entität zu begreifen. Wenn ich verstehen will, was Verdauung ist, untersuche ich nicht die Funktionsweisen (vielleicht sogar noch der Zellen) der einzelnen Verdauungsorgane.
  • Weltbilder sind genau dann ideologisch, wenn sie normativ geschlossen sind, will sagen, wenn es in ihnen ein Innerhalb gibt, das perspektivistisch einseitig aufgewertet wird und ein Außerhalb, das mit selbem Engblick abgewertet wird. Das kann für wissenschaftliche Weltbilder genauso zutreffen wie für religiöse. Es gibt unterschiedliche, vielleicht unzählige Weisen der Beschreibung konsistender Weltbilder, die aber einander widersprechen können. Unter Toleranz verstehe ich deshalb nicht das indifferente Dulden eines anderen Denksystems, sondern dass mein eigenes Denken immer unter dem Aspekt stattfindet, dass ich nicht grundsätzlich darüber entscheiden kann, dass meine Weltinterpretation, also meine „Wahrheit“ die bessere oder richtigere ist. Ferner möchte ich einem Partikularismus das Wort reden, der der konkreten Situation in einem intersubjektiv ausbalancierten jeweiligen Maximalkontext den Vorzug gibt, und dieser immer nur als ein von mir beschriebener Ausschnitt eines hochkomplexen, mit dem menschlichen Erkenntnisvermögen prinzipiell nicht beizukommenden Weltganzen zu verstehen ist.
  • Was ist Grübeln? Ein Psychologe wird es wahrscheinlich als Symptom eines psychopathologischen Zustands einer Person beschreiben, bei der sie sich in einem zirkulären Denken bei gleich bleibenden Modalitäten über dasselbe Problem befindet. Fragt man hingegen einen Philosophen, so wird dieser viel mehr darunter ein intensives prozessuales, ergebnisorientiertes aber ergebnisoffenes Reflektieren über eine bestimmte Fragestellung oder einen bestimmten Sachverhalt verstehen. Bei einem Ideologen wird man dabei eher ein hoch motiviertes Suchen nach Gründen (und manchmal auch ein kreatives Erfinden derer) feststellen, das dem Zweck dient, den vorgefassten Wahrheitsanspruch argumentativ zu untermauern. Und was ist Grübeln nun? (Die bessere Frage jedoch lautet: Warum frage ich danach?)
  • Prinzipiell kann zwischen Präferenzen und das zu Präferierende unterschieden werden. Auf den ersten Blick könnte man eine Gleichschaltung für wünschenswert halten, jedoch sollte man darauf achten, in welche Richtung dieses Gleichschalten geschieht. Denn der Normalfall scheint mir so zu sein, dass man das zu Präferierende (als Ergebnis eines durch die Urteilskraft ermittelten Werts im Dienste der möglichst global zu denkenden Menschheit) unter das Joch des eigenen, persönlichen Vorteils stellt, der sich dem Einzelnen auf rein emotionale Weise im Sinn eines Emotivismus offenbart.
  • Ich kann die Fremdenfeindlichkeit nicht wirklich verstehen. Wovor haben diese Menschen Angst, was fürchten sie? Was kann ihnen denn noch Schlimmeres passieren als der Verlust der Menschlichkeit?
  • Das einzige Ziel in meinem Leben ist der Freiraum für einen Weg, der nicht an Ziele gebunden ist. Dieser Freiraum ist mir deshalb so wichtig, damit ich aus vernünftigen Gründen im Hier und Jetzt selbstgestaltend agieren kann, auch wenn Zukünftiges dabei als rein abstraktes Agens in Form von Antizipationen oder Imaginationen wirksam bleibt, das aber stets neu überdacht (und wenn nötig revidiert) werden muss.
  • Es ist offenkundig ein evolutionärer Vorteil, auf das Fremde mit Angst oder zumindest mit Argwohn zu reagieren. Dennoch rechtfertigt er keinen Fremdenhass, denn wir besitzen die Fähigkeit, uns das Fremde vertraut zu machen. Diese ist aus Sicht der Evolution für den Menschen von viel größerer Bedeutung. Aber es bleibt die Angst, die am stärksten mit dem Fremdenhass korreliert, jedoch nur als Indikator einer schlechten individuellen Entwicklung. In diesem Kontext passt der Sinnspruch der Kabarettistin Lisa Fitz sehr gut: „Wer kein Selbstbewusstsein hat, braucht ein Nationalbewusstsein.“
  • Physiker und Mathematiker denken gerne in konsistenten geschlossenen Systemen. Für Gesellschaftstheoretiker und Philosophen wäre dies ein Graus! Denn diese wissen um die Bedeutung von Ambivalenzen und Paradoxien in hochkomplexen modernen Gesellschaftssystemen für die Vermeidung von fanatischen Ideologien und Totalitarismen. Hier ist ein ganz anderes Denkvermögen erforderlich, eben in offenen, paradoxen und ambivalenten Systemen, oder besser gesagt: Lebenswelten denken zu können.
  • Die dümmsten und zugleich gefährlichsten Menschen erkennt man daran, dass ihr Wille zur Pflichterfüllung oder ihr Traditionsbewusstsein stärker als ihr Reflexionsvermögen oder ihr Verantwortungsbewusstsein ausgeprägt ist. Solche Menschen findet man nicht nur häufig in Sekten, Religionsgemeinschaften oder in konservativen und extremen Parteien, sondern generell in Kulturkreisen standardisierter Personen und vor allem in Berufsgruppen, die mit Gehorsam operieren, wie z.B. Soldaten und Polizisten. Es ist überdies ratsam, Menschenmengen zu meiden, die wie mit nur einer einzigen Stimme sprechen. Das Gegenteil von Totalitarismus ist nicht Demokratie, sondern Pluralismus.
  • Je größer die Ungleichheit, desto stärker die Anziehungskraft zwischen den Polen. Das ist vor allem eine gesellschaftliche und politische Wahrheit.
  • Ich bin kein Freund der paradoxen Formulierung, aber hier weiß ich es nicht besser zu sagen: In einer Gemeinschaft (insbesondere einer Partnerschaft) steigert sich die Freiheit Aller durch Einschränkungen der Freiheit der Einzelnen in einem solchen Maß, das ein Einzelner niemals allein erreichen kann. Verhält es sich genau anders, ist es ein Alarmsignal für etwas Dysfunktionales oder Pathologisches, dort ist baldige Auflösung bzw. Trennung angezeigt.
  • Die Suche nach Wahrheit ist ein sehr seltenes Ereignis. Viel häufiger findet sich die Recherche nach brauchbaren Argumenten zur Untermauerung der eigenen Meinung.
  • Anschluss suchen, „connected“ sein – das wünschen sich vor allen Dingen solche, die sonst keinen Halt spüren, die mit sich allein alleine bleiben. Netze sind jedoch seit jeher Fanginstrumente, Werkzeuge der Macht, auch in ihren neuen Begrifflichkeiten wie Vernetzung, Netzwerk oder Web. Bevor man solche Netze gutheißt, womöglich noch verherrlicht, sollte man wissen, ob man Spinne oder Fliege ist.
  • Es ist das eine zu glauben, das andere zu wissen. Und wo ist der Unterschied? – In der Art des Denkens. Und wo ist das Gemeinsame? – In der Art des Weiterdenkens.
  • Gewissheiten zu erlangen kann sehr tröstlich oder aufbauend sein, demnach ist das philosophische Interesse oder der religiöse Eifer gut nachvollziehbar, aber es gibt hierbei doch einen großen Unterschied, wenn man sich auf die Kehrseite besinnt: religiöse Irrtümer sind gefährlich, philosophische revidierbar und nicht selten nützlich. So auch das Bonmot von Friedrich Rückert: „Das sind die Weisen, die durch Irrtum zur Wahrheit reisen. Die bei dem Irrtum verharren, das sind die Narren.“
  • Auch das Ende einer Sackgasse ist ein Ziel, man muss es nur als solches definieren – macht man aber meist erst dann, wenn man dort angelangt ist, untermalt mit den glorreichen Worten: „Hey! Schaut mal, wie weit ich es geschafft habe!“
  • Ein besserer Mensch zu werden ist gleichbedeutend damit, ein besserer Mitmensch zu werden. Hier offenbart sich eine der grundlegendsten Konstitutionen menschlichen Seins: Er ist primär ein soziales Wesen, und selbst sein Bewusstsein hat sich ausrichtend an eine Solidar- und Sprachgemeinschaft entwickelt. Ein gesellschaftliches System, das egoistisches Konkurrenzdenken belohnt auf Kosten von Kooperationsbereitschaft führt zwangsläufig zu einer pathologischen Gesamtbefindlichkeit, die sich in Einzelphänomenen wie z.B. Sinnlosigkeitsgefühlen oder einer Steigerung an Psychotherapieplätzen und Singlehaushalten äußert.
  • Friedrich Nietzsche schrieb einst: „Der höhere Mensch wird immer zugleich glücklicher und unglücklicher“, und so ähnlich betrachte ich die Gesellschaft: Sie wird immer zugleich positiver und negativer ihrer Eigenschaften nach. Die private Bewertung des Gesellschaftsprozesses eines Menschen gibt Auskunft über seine Verortung innerhalb der Gesellschaft. Da aber aus evolutionären Gründen der Mensch zur Relativierung der positiven und zur Theatralisierung der negativen Erfahrungen neigt, gibt es stets einen größeren Konsens über eine negative Entwicklung des Gesellschaftssystems, die sich mit den Worten ins Gemüt drängt: „Früher war alles besser!“ – Ich betrache die Gesellschaft nun stets mit kritischem Blick, aber nicht ohne diesen kritschen Blick selbst kritisch zu beobachten.
  • „Glaube“ verhält sich zu „anthropomorphe Gottesvortellung“ genauso wie „Wissenschaft“ zu „naiver Realismus“. Hier kann man keine tiefe Einsicht in das Wesen der jeweiligen Domänen erwarten. Diese beginnt erst bei solchen Erkenntnissen, bei denen Spiritualität und Wissenschaftlichkeit kaum mehr zu unterscheiden sind und als komplementäres Ganzes zusammenspielen.
  • Man sollte sich vor Augen halten, dass der Mensch verschiedenartige Bewusstseinsströme hervorbringen kann, je nach Konstitution, Zeitepoche und Umwelt. Ich kann nur davon abraten, den eigenen als allgemein gültigen hochzuhalten. Der Wert eines Bewusstseinstroms misst sich auch nicht danach, wieviel Wahrheiten er für sich beansprucht und beanspruchen kann, oder wie konsistent er gegenüber anderen erlebt wird, sondern wie nützlich er für das Miteinander aller Menschen und für die Umwelt ist. In dieser Hinsicht bin ich Pragmatist und fetischisiere kein wissenschaftliches Pathos, dogmatisiere und verachte per se kein religiöses Empfinden, bewerte Menschen nicht nach dem Ausmaß ihrer Intelligenz, sondern danach, in welchen Dienst sie sie stellen.
  • Der Staat und jegliche sonstige Institution müssen dergestalt wie ein Transformator im Sinne einer Effizienzmaschine funktionieren: Wenig hinein, viel heraus! Funktioniert er andersherum oder nicht gleichermaßen für alle, schalte ich ihn lieber ab, denn Religionen, Fetische und Götzenbilder haben wir schon mehr als genug!
  • Moralität ist mehr als das innerpsychische Gefühl der Verantwortung für unsere Mitmenschen und Umwelt im allgemeinen, denn dieses stirbt gleichsam mit dem Tod eines Menschen. Moralität bezeichnet vielmehr eine im Dienst der Menschheit stehende Objektivität, für die der Mensch einen Sinn, sein Gewissen, entwickelt, und damit einhergehend eine über den Tod des einzelnen Menschen hinausreichende Dimension der Verantwortung als solche. Mag das Verantwortungsgefühl mit dem Tod des Subjekts auch sterben, die Verantwortung selbst als Konstituente der höheren Komplexitätsebene des sozialen Systems bleibt lebendig und erhalten. Es scheint so, dass wahrhaft religiöse Menschen dies besser verinnerlicht haben als atheistische Materialisten, wenn auch letztere dazu durchaus in der Lage sind, als sie zu spüren wissen: „Ich bin primär ein soziales Wesen und dann erst ein psychisches!“
  • Früher galt als Charakter das, was heute als mangelnde Flexibilität diskreditiert wird. So soll man mich ruhig diskreditieren, ich weiß es ja zu übersetzen! – Das Rückgrat indes behindert jede Flexibiltät, das wissen vor allem Politiker und sonstige Wendehälse.
  • Aus dem Wörterbuch des Menschlichen: Gegenteil von Freundschaft: Kosten-Nutzen-Denken.
  • „Lebendig ist allein der, der vollkommen frei über seine Zeit verfügt und sich bedürfnislos und in Ruhe der Philosophie widmet.“ So lautet der Wahlspruch der meisten antiken griechischen und römischen Philosophen, den ich absolut als mein Lebensmotto betrachte! – Es ist kaum zu glauben, welchen geistigen Rückschritt wir seitdem erleben mussten, wobei doch klar sein sollte, dass das Ziel der menschlichen Gesellschaft (natürlich neben dem Weltfrieden) darin liegen sollte, die in diesem Kredo implizierte Freiheit für alle Menschen zu ermöglichen, also meiner Meinung nach das bedingungslose Grundeinkommmen zu verwirklichen! Erst diesen Sprung nenne ich wahren Fortschritt: der Start in eine kulturelle Evolution, die eine neue Menschengattung produziert mit verbesserter geistiger Verfassung.
  • Der sprichwörtliche Mist, auf dem meine eigenen Erkenntnisse gewachsen sind, wurde von anderen, zum größten Teil helleren Köpfen als mich gedüngt, aber nicht so sehr, dass man sagen könnte, der Mist stinkt nach allen Seiten nach anderen: Es bleibt mein Substrat, auf dem alles gedeiht, verwelkt oder verwildert. Vielen kann ich indes nur raten, ihren eigenen Mist gut zu düngen, damit er nicht Mist bleibt – letzterer nicht sprichwörtlich gemeint.
  • Was ist bedauerlich? – Einen Menschen zu beobachten, wie er sagt: „Ich mache Fortschritte!“ und dabei mit seinem Finger Kreise in die Luft zeichnet.
  • Die Moderne ist ein Labyrinth, dessen viele Sackgassen und Umwege neben eben diesen Irrwegen auch zu interessanten und wichtigen Erkenntnissen geführt haben und führen können. Aber wehe dem, der keinen Ausweg daraus findet und dabei den Grund für seinen Eintritt vergisst!
  • Dem zunehmenden Sicherheitswahn, ein möglichst sicheres und dadurch sorgenfreies und planbares Leben führen zu wollen, der immer mit einem Verzicht auf Freiheiten einhergeht, möchte ich mit den Worten Kants begegnen (die er aber in einem anderen Kontext gebraucht hatte): „Die leichte Taube, indem sie im freien Fluge die Luft teilt, deren Widerstand sie fühlt, könnte die Vorstellung fassen, daß es ihr im luftleeren Raum noch viel besser gelingen werde.“
  • Jedes hinreichend komplexe Gebilde, das am besten als „autopoietisches System“ in der Systemtheorie beschrieben wird, hat das Bestreben zur Selbstorganisation. Dies beinhaltet nicht nur die Selbsterhaltung, sondern auch die Tendenz, möglichst autonom zu werden im Sinne einer Emanzipation. Beim Menschen (der ein solches System darstellt) zeigt sich dies in seinem Drang nach Freiheit. Der Markt (auch ein solches System) zeigt aber auch so eine Tendenz, nämlich sich von externen Regulatorien zu befreihen. Der Markt, immer als Prozess verstanden, wird sich unweigerlich zu einem entfesselten Markt entwickeln. Oder wie Volker Pispers in seinem Bühnenprogramm mit folgender Analogie so treffend sagte: „Kapitalismus – Raubtierkapitalismus... Wasser – nasses Wasser...“.
  • Fantasie ist wie ein wildes Pferd, das nur denjenigen ans Ziel bringt, der es auch zu zügeln weiß. Und die Zügel sind das Wissen des Reiters mitsamt seinen Erfahrungen.
  • Die eigene Entwicklung ist nicht zu denken als eine punktuelle Fortbewegung in dem Sinne, wo ich einst war, dort bin ich jetzt nicht mehr, sondern eher als ein Ausdehnen eines Gummibandes. Somit besteht immer noch ein Bezug zu dem, was wir einst waren, der immer spannungsreicher wird und einer Selbstentfremdung entgegenwirkt. Aber wehe dem, der sein Band zum reißen bringt!
  • Die Wurzel alles Bösen ist das auf sich selbst fixierte „Ich“ des Menschen. Und warum kann man das Böse nicht ausrotten? Weil diese Wurzel eine Notwenigkeit im Leben und Überleben des Menschen darstellt, aus der auch das Gute erwächst.
  • Erkenntnismomente durch die Vernunft, die nicht von einer Emotion getragen werden, sind bedeutungslos, weil sich eben jene Bedeutung in der Emotion ausdrückt. Der depressive Selbstmörder beispielsweise weiß vor seiner Tat oft auch, dass er seinen Freunden und Verwandten damit einen Schmerz zufügen wird, auch kann er diesem einen höheren Grad einräumen als den eigenen Schmerz, der ihn zu seinem Vorhaben antreibt, aber seine Depression nimmt ihm die sonst damit verbundene Emotion, diesen Überlegungen Gewicht zu verleihen.
  • Wissen und Glauben sind zwei verschiedene Dimension des menschlichen Lebens. Ersteres beschreibt ein Streben nach innerem Wachstum und letzterer eine innere Haltung, der Welt zu begegnen und geht als gefühlte Gewissheit dem ersteren voraus. Eine sich ergänzende Verknüpfung beider Dimensionen ist der Wegbereiter der Weisheit.
  • Leben ist Wachstum – und Bildung dessen Königsweg mit der einhergehenden Entwicklung von Fertigkeiten, Kenntnissen und Einsichten.
  • Jede Debatte, die nicht in einer Art „Miteinander-Tanzen“ endet, sondern in einen Disput, ist es nicht wert, gehalten zu werden. Kennzeichen letzterer Art sind Ausdrücke aus der Kriegskunst wie z.B. „Verteidigung der eigenen Position“, „Angriffspunkte suchen“ und dergleichen. Ein Voneinanderlernen findet nicht statt, daher ist sie wertlos, oder sogar schlimmer, wenn dadurch die eigene Meinung sich verfestigt und sich in etwas Starres verwandelt und man sie mit echten Überzeugungen verwechselt.
  • Alle Menschen wachsen als Kinder in die Höhe, einige danach in die Breite, aber die wenigsten noch in die Tiefe – oft verursacht durch die regelmäßige Einnahme von wachstumshemmenden Mitteln, die in immer größer werdender Zahl verfügbar sind.
  • Zur Meinungsbildung taugen Internet-Suchmaschinen nur bedingt, denn die Gefahr ist sehr groß, dass aus diesem Teich sämtlicher Fischarten nur solche gefangen werden, die einem auch schmecken. Oder um mit den Worten des Psychologen Jerome D. Frank zu sprechen: „Alle Einstellungen filtern die anfallenden Informationen durch Hervorhebung der sie bestätigenden und Bagatellisierung der sie nicht bestätigenden Aspekte. Widersprechende Informationen werden nicht beachtet oder rasch vergessen.“
  • Die Bäcker kleiner Brötchen wissen es am besten: Es kommt viel mehr auf den Geschmack an als auf die Größe – solange man nur satt wird.
  • Man muss erst die Erwerbsarbeit über Bord werfen, um wirklich arbeiten zu können, aber dies nennt man dann nicht mehr arbeiten, sondern leben.
  • Wie verachte ich den kleingeistigen Kleinwuchs – die Mensch gewordenen Yorkshire Terrier, die jeden und alles ankläffen, was anders, was größer ist als sie selbst und dabei denken, sie hätten den Biss eines Schäferhundes, oder schlimmer! – sie seien der Schäfer selbst.
  • Jeder, der seine eigene Bibel im Herzen trägt, der will auch predigen!
  • Man sollte einen oder DEN Menschen begreifen mit der Weisheit des Bergsteigers: Wissend, dass es mehrere, letztendlich unzählige Wege zu seinem Gipfel gibt und ihn dabei niemals vollständig verstehend. – Und vielleicht sollte man alle Dinge auf diese Weise erkundschaften: mit Vorsicht, Demut, Ausdauer und Courage.
  • Ein wahrer Atheist ist ein Mensch, dem es sogar gelingt, das Wort „Hoffnung“ aus seinem Vokabular zu streichen – selbst und gerade in Extrem- oder „Grenzsituationen“, wie Karl Japsers sie so schön beschrieb. Mir ist ein solcher Mensch noch nicht begegnet, selbst nicht bei den stoischsten Stoikern; es scheint fast so, als sei der Mensch nicht nur zur Freiheit verdammt (so der Feingeist der Existentialisten), sondern auch zum Glauben, auch wenn es sich dabei nur um den Glauben an ein gutes Ende handelt, ohne diesen wir freilich nicht in der Verfassung wären, das Leben zu ertragen – manchmal so weitgehend, dass einige Menschen aus diesem Glauben (vor allem in seiner Verkleidung als Gewissheit) eine eigene Welt konstruieren, in der sie der unangefochtende und unbesiegbare Protagonist sein können.
  • „Keep cool!“ blöken die Schafe im Chor des Schäfers das aus ihrer Reihe tanzende Schaf an, das Ihnen „Empört Euch!“ entgegenhält und sich über deren Dummheit und Ignoranz schwarz ärgert.
  • Der Künstler betrachtet sein Werk aus mindestens drei verschiedenen Perspektiven: Vornehmlich aus der ästhetischen und bei konnotativem Anspruch ebenso aus einer effektiven. Effizienz ist dem Kunstwerk nicht wesentlich, manchmal aber notwendig und bleibt so als eigene Entität neben der Effektivität (Wirkung, Mitteilung etc.) und Ästhetik (darunter auch das Erhabene und Sinnstiftende) bestehen. Der Unternehmer erkennt die Ästhetik seines Schaffens in der effizienten Effektivität, sie verschwindet somit als eigene Entität. Die punktuelle Verkümmerung der Effektivität im Sinne einer autotelischen Ökonomisierung (bspw. einer Kapitalvermehrung als Selbstzweck) ist prototypisch für das Tun der Banker und ihrer Schergen: Diese nenne ich wahrhaftige eindimensionale Menschen oder salopp gesagt (und unter Beachtung der von ihnen erzeugten Kollateralschäden) Vollidioten.
  • Es muss soviele Konzepte vom Geist des Menschen geben, wie es Menschen gibt, und diese Konzepte sind als undeutliche Abziehbilder zweifelhafter Herkunft und Verwendung abzulehnen.
  • Ich bin Atheist im Sinne von Gilles Deleuze: „Die Götter sind tot: allerdings sind sie an Lachen gestorben, als sie einen Gott sagen hörten, er sei der einzige.“ – und genau das könnte auch den Menschen blühen, die behaupten, es gäbe nur eine Wahrheit, der man sich zu unterwerfen habe.
  • Das Leben eines Menschen ist wie das Blühen eine Blume: Entweder sie blüht auf ihre eigentümliche Weise, oder sie blüht gar nicht.
  • Für manche Menschen gibt es eine schlimmere Vorstellung als die vom Tod, dem Nichtsein: das ist das Nichtssein.
  • Ein Narzisst ist ein Mensch, der schon sehr früh erfahren musste: „Im Leben bekommst Du nichts geschenkt – verdiene es Dir gefälligst!“
  • Die hohe Scheidungsrate ist eine Kennzahl, die sich aus der Konsequenz einer Eheschließung zwischen zwei Homines oeconomici bildet.
  • Vom Berg aus betrachtet erscheint die Tiefe oft als Abgrund. Im Tal hingegen weiß man, auf dem Berg ist der Platz sehr beschränkt. Dorthin will nur der, der nicht mit anderen im Tal zu leben weiß.
  • Das Leben eines Menschen am Rand der Gesellschaft ist wie ein Leben einer Ameise am Rand einer Münze: Dort ist die beste Perspektive auf beide ihrer Seiten gegeben, wobei eine Seite meist im Dreck liegt und deshalb dort ein Krabbeln eher einem Kampf gleicht.
  • Meine einzige Radikalität liegt in der Ablehnung aller anderen Radikalitäten, so auch ihrer genügsamsten Formen: der Prinzipien. Auf diese Weise brauche ich meine Überzeugungen nicht in ein kleinkariertes Denkraster zu spinnen, sondern bewahre ihre eigentümliche Dynamik.
  • Freude ist die Kehrseite des Leidens, Gleichmut dessen Abwesenheit. Echte Freude und Gelassenheit finden daher nie zu einander (in dem Moment, wo man wahrhaftige Freude empfindet, ist man eben nicht mehr gelassen), Indifferenz und Leiderzeugung hingegen sehr oft. Mir fehlt bei der „heiteren Gelassenheit“ das notwendige Potential eines gemeinschaftlichen Korrektivs. Und überhaupt halte ich die Empörung für eine Tugend, und eine höhere als die Gelassenheit noch obendrein. Mir ist der leidenschaftliche Aktivist ein weitaus angenehmerer Mitmensch als der Stoiker, sofern er sein Tun durch die noch höhere Tugend der Besonnenheit Grenzen setzt und es mit der allerhöchsten Tugend, der Klugheit, steuert.
  • Der Mensch hat nicht die Fähigkeit, zwischen zwei Übeln zu wählen in dem Sinne, als hätte er dabei eine freie Entscheidungswahl. Er ist gezwungen, sich vorher so zu verbiegen, dass er erst derjenige wird, der dann die freie Wahl treffen kann. Er „erkrankt“ sozusagen an Pest oder Cholera, wählt er diesselben. Die als Krankheit bezeichnete Depression schützt vor einer nachteiligen und nachhaltigen Veränderung seines Selbst – ein wahrer Pyrrhussieg und von vielen Psychopathologen als „rigide Selbststruktur“ überinterpretiert!
  • Ich bin ein gläubiger Mensch, denn ich glaube an die Vernunft. Wie jeder anderer Glaube jedoch auch, kann sich die Vernunft nicht selbst begründen – genausowenig kann sie alles erklären oder besitzt die letzte Weisheit. Die letzten Erkenntnisse und Überzeugungen rühren daher nicht aus vernünftigem Denken, sondern entspringen der Quelle jeden Glaubens: der Intuition. Der intuitive Mensch weiß um seinen Glauben und glaubt an seine Weisheit und weiß dazwischen zu unterscheiden.
  • Ein moralisch integerer Mensch hat keine Überzeugungen in dem Sinne, wie man eine Ware besitzt oder auch nicht, sondern die Überzeugungen eines Menschen prägen eklatant seine Seinsform – ein Mensch IST demzufolge seine Überzeugungen. Ein Handeln gegen diese Überzeugungen ist somit vergleichbar mit einer Selbstdestruktion – oder im Falle, wenn man gar nicht mehr nach seinen Überzeugungen handelt bzw. handeln kann oder darf, identisch mit Selbstmord bzw. Mord. – „Da kannst du Gift drauf nehmen!“ bestätigte schon Sokrates, „oder flüssiges Blei!“ überbot Giordano Bruno.
  • Es gibt keinen verletzten Stolz, nur gekränkten pathologischen Narzissmus. Narzisstisch gesättigte (gesunde) Menschen besitzen auch Stolz, nennen diesen aber Selbstwertgefühl und verhalten sich auch dann ehrenvoll, wenn dasselbe einen Angriff erdulden muss.
  • Unter Bundesregierung versteht man das Verfassungsorgan, das auf Basis von Wirtschaftsinteressen Gesetzestexte verfasst und diese so lange vom Bundestag beschließen lässt, bis sie das Bundesverfassungsgericht zermürbt als gesetzeskonform beurteilt (meist unter Ausschluss des Volkes während Fußballmeisterschaften).
  • Zweifel setzt eine umfassende Kenntnis des Angezweifelten voraus. Zweifeln um seiner selbst willen ist meist nur Ausdruck latenter Selbstzweifel und bietet dem Zweifler einen Nährboden für eine Wiese, auf die er nur seine hübschesten Blumen blühen lässt.
  • Eine Form von Intelligenz, wenn nicht sogar die bedeutenste, ist, viele andere Menschen von der eigenen Intelligenz profitieren lassen zu können. Der Rezitator auf der Bühne ist dem Menschen ein größerer Gewinn als das Genie im Keller.
  • Sollten Erkenntnisse aus der Welt des Komplexen sich als kontraintuitiv entpuppen, so ist das ein gutes Zeichen für ihre Richtigkeit. Jenseits der Grenze des Verstehbaren denken zu können und dort neue Erkenntnisse zu gewinnen, zeigt das Geniale im Menschen und ist nur wenigen vorbehalten.
  • Weisheit ohne Leidenschaft ist leer und daher potentiell zum Nihilismus führend, Leidenschaft ohne Weisheit ist blind und daher potentiell gefährlich.
  • Vom Tiefgrund zum Abgrund ist es meist nur ein Schritt.
  • Zitate von Koryphäen dienen oft als wärmendes Federkleid, wenn man an der Erkenntnis erschaudert, dass die Grenzen des eigenen Vermögens spürbar niedriger als die jener liegen. Aber man sollte sich nicht mit dem Tragen von fremden Federn zufrieden geben, denn als Schmuck blendet dieses Kleid nur. Erst wenn es zur eigenen Haut geworden ist, kann man damit fliegen lernen und die eigenen Grenzen sprengen.
  • Der meist ein Defizit eines Menschen anprangernde Auspruch „Gut, dass nicht alle so sind wie du!“ gilt ausnahmslos und generell für alle Menschen. Nur in der Verschiedenheit der unterschiedlichen Menschen liegen der Erfolg und das Überlebenkönnen der Menschheit begründet, vor allem in ihren Extremfällen. Eine Nivellierung dieser Unterschiedlichkeit und eine damit einhergehende Ausmerzung der Extremfälle muss daher gefährlich sein. – Also muss es heißen: Menschen soll man nicht normen!
  • Es gibt kein „Nicht-Tun“ als Gegenteil des Tuns; jene ist nur dessen Passivform, nämlich das Geschehenlassen infolge eines Nicht-Eingreifens. Als solche hat sie denselben Stellenwert wie jede andere Handlung. Ihre Bedeutung zeigt sich – wie bei allem Tun – nur im Konkreten. Für manche Menschen aber ist die Erkenntnis schwer zu ertragen, dass auch etwas passiert, ohne dass sie eingreifen, ohne dass sie da-sind: „Ich mache, also bin ich.“ – für diese Menschen eine Art Lebenselixier, gebraut in der Moderne.
  • Es ist niemals nur EINE Sache, die eine andere bewirkt. Die Rückverfolgung einer Ursache-Wirkungs-Kette wird daher immer unschärfer, unbedeutender, sinnloser.
  • Die Geben-Nehmen-Waage lässt sich nicht eichen. – Oder wem ist es schonmal gelungen, eine Balkenwaage mit nur einer Hälfte auszuloten?
  • Alle Menschen wünschen sich ewige Jugend, aber denen, die sie für sich gefunden haben, wirft man pubertäres Verhalten vor.
  • Je mehr Gesetze ein Staat benötigt, desto ungeeigneter ist er für den Menschen. Der Staat sollte lieber mehr Vorbilder generieren als Vorschriften.
  • Die eigene Tiefe, also die Tiefe der eigenen Gedanken ist wie ein Brunnen, über den man sitzt, aus dem man schöpft, der einen nährt. Nur man selbst erkennt durch die ideale Perspektive die vermeintliche Tiefe und verurteilt diejenigen, welche aufgrund flacherer Betrachtungswinkel nur die Brunnenwände, jedoch nicht den Grund sehen können. Und darüber wird all zu leicht vergessen, dass diese Anderen über ihre eigenen Brunnen sitzen, die womöglich noch viel tiefer sind, dafür vielleicht ein weniger prachtvolles Mauerwerk besitzen.
  • Weisheit ist genau das, was man Menschen nicht zu erklären braucht, die sie besitzen, und Menschen nicht verständlich machen kann, die sie nicht besitzen.
  • Der Hals von vielen Bürgern liegt in der Hand von wenigen Würgern.
  • Viele, die viel gelesen haben und sich für gut belesen halten, brauchen ihre eigenen Gedanken nicht niederzuschreiben, denn diese stehen schon längst woanders geschrieben.
  • Wenn Unzufriedenheit aus der Kluft zwischen Ist- und Wunsch-Zustand wächst, so kann man einerseits Zufriedenheit dadurch erreichen, den Ist-Zustand an den Wunsch-Zustand anzugleichen. Wer kann, sollte aber die andere Richtung einschlagen.
  • Die meisten Menschen schätzen ihre Privilegien in dem Maße, wie sie sie bei anderen missbilligen.
  • Jedes Ereignis und jede Situation bedürfen einer neuen Beurteilung. Vorgefasste Meinungen sind zwar schnell zur Hand, führen aber allzu oft in die Irre.
  • So manche sagen „Ich liebe dich“ und meinen „Ich liebe die Liebe“.
  • Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst, somit der, den wir dem Leben geben.
  • Intelligenz ist nur die Wanne der Vernunft. Daraus schöpfen zu können zeigt den wahren Intellekt des Menschen.
  • Der Unterschied zwischen Tier und Mensch liegt im Verstand. Der Unterschied zwischen Mensch und Mensch liegt in der Vernunft.
  • Wer zum Höhenflug ansetzt, sollte seine Dienstgipfelhöhe kennen.
  • Wer ständig in die Vergangenheit zurückschaut, verliert den Blick für die Zukunft.
  • Wer immer nur cool sein will, wird irgendwann mal nur kalt.
  • Wenn wir uns nur damit beschäftigten, unsere Fehler zu beheben, bliebe uns keine Zeit mehr für etwas anderes.
  • Wenn wir etwas falsch machen, dann aber richtig.
  • Die Fragen, wer jemand ist und welche Arbeit jemand ausübt, führen fast immer zur gleichen Antwort.
  • Heutzutage ist es wichtiger, was man hat als wer man ist. Hat man viel, ist man wer.
  • Wissen plus Glauben ist konstant: Je mehr man weiß, desto weniger glaubt man.